Draußen vor den Schengen-Türen stehen Europäer zweiter Klasse – und werden gedemütigt.

Sibylle Hamann

Wer drin ist, ist drin. Seit es Schengen gibt, seit genau einem Jahr, kann sich, wer drinnen ist, freuen, dass „drinnen“ viel größer geworden ist. Man kann schnell mal, ohne einen Pass einzustecken, zu einer Hochzeit in die Slowakei fahren oder zu einer Geburtstagsfeier nach Warschau. Man kann sich ein Erasmus-Stipendium an einer estnischen Uni suchen, einen Praktikumsplatz in Amsterdam, und für die Zeit dazwischen einen Ferialjob in Barcelona.

Wenn man anschließend wieder heimkommt, muss man sich nicht grämen. Denn man kann mit all jenen Leuten, mit denen man sich zusammengefunden hat, ausgiebig und billig Kontakt halten. Über Facebook und den neuen „Europa“-Tarif am Handy. „Ferngespräch“ – das klingt nach händischer Stöpsel-Vermittlung, nach nostalgischem Knarzen in der Leitung, nach Schnellsprechen, weil jedes Wort so teuer ist. In Europa gibt es das nicht mehr. Jeder Ort, ob St. Pölten oder Lissabon, ist neuerdings gleich weit entfernt. Im Schengen-Europa zumindest.

Je selbstverständlicher, selbstbewusster und selbstgefälliger sich das „drinnen“ in seiner neuen Ausbreitung räkelt, desto seltener fällt einem ein, dass es noch ein „draußen“ gibt. Jenen draußen zeigt sich Europa, seit Schengen, von einer sehr viel hässlicheren Seite. Letzte Woche im „Falter“ sind sie zu Wort gekommen: Der Unternehmer aus Moldawien, die weißrussische Journalistin, der bosnische Student, die ukrainische Beamtin. Junge, ambitionierte Leute, die nichts anderes wollen, als alle jungen, ambitionierten Europäer: Freunde besuchen, studieren, recherchieren, Kontakte knüpfen, an einer Konferenz teilnehmen, oder auch nur ein Geschenk für die Oma kaufen. Für sie alle ist Europa ein ferner, abweisender, arroganter Ort geworden, der ihnen sehr deutlich zu verstehen gibt, dass er nicht auf sie neugierig ist.

Wer drinnen ist, hat meist keine Ahnung von den Demütigungsritualen, die denen draußen abverlangt werden. Da muss man stundenlang vor den Konsulaten stehen. Da muss man, für eine Reise von ein paar Tagen, notariell beglaubigte und in die jeweilige Landessprache übersetzte Leumundszeugnisse beibringen, Krankenversicherungen, Bürgschaften, Kontoauszüge und Mietverträge; man muss nachweisen können, dass man im Voraus ein Hotel bezahlt hat, obwohl man keineswegs noch weiß, ob man überhaupt ein Visum bekommt, um auch wirklich im bezahlten Hotelbett schlafen zu können.

Unter Generalverdacht zu stehen, kostet viel Zeit, viel Geld und viele Nerven. Am Ende bekommt man gnadenhalber ein Visum, oder auch nicht. Gründe für eine Ablehnung werden nicht genannt. Sind ja keine Leute, denen man Rechenschaft schuldig wäre. Sind ja bloß Menschen zweiter Klasse.

Noch interessieren sich Künstlerinnen und Wissenschaftler, Studentinnen und Aktivisten an den Rändern Europas für die EU. Irgendwann dann nicht mehr. Und die EU wird sich wundern, warum sie so frustiert und zornig sind.

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