Die Riahis kamen einst als Flüchtlinge über die iranischen Berge. Jetzt sind sie im Kino.

Ein Portrait

Es war September, noch sommerlich warm in Teheran, als die Reise begann. Kein Grund, einen warmen Pullover anzuziehen, eine extra Jacke mitzunehmen oder feste Schuhe. Außerdem musste es, als sie aufbrachen, sehr schnell gehen, da hatte weder der Vater noch die Mutter an eine hochgebirgstaugliche Ausrüstung gedacht.

Aber dann standen sie auf einem schmalen, windigen Grat in den Bergen Kurdistans, zwei hagere, untrainierte Büchermenschen in Halbschuhen und Sommerhosen, und fröstelten. Das Kind krallte sich in der Mähne des Pferdes fest und jauchzte vor Vergnügen, denn es durfte zum ersten Mal reiten. Die Mutter aber schaute neben ihren Füßen den Abgrund hinunter. Im Dämmerlicht konnte sie kaum etwas erkennen, doch sie konnte hören, wie tief die Steine hinunterkullterten. Ihr schwindelte. Es roch nach Schnee.

Der Vater, die Mutter und das Kind durften nur in der Nacht gehen, denn tagsüber hätten die Soldaten sie sehen können. Einmal, als sie alle in einer Felsnische kurz einnickten, wäre das Kind beinahe erfroren. In Panik verbrannten die Eltern die allerletzten Kleider, die sie noch bei sich hatten, um den Neunjährigen, der schon ganz blau im Gesicht war, an den Flammen zu wärmen.

Sie haben es schließlich geschafft, über die türkische Grenze, nach Van und Istanbul, und von dort weiter nach Wien. Der neunjährige Bub von damals ist heute 36. Er heißt Arash T. Riahi, hat einige Jahre Medizin studiert, Werbespots gedreht und mehrere Filme, er lebt im 15. Wiener Gemeindebezirk, es geht ihm gut.

Doch der Weg, den das Kind Arash ging, ist für den erwachsenen, erfolgreichen, berufstätigen Mann noch immer nicht ganz zu Ende. Er ist mehrmals in die Gegend zurückgefahren, immer weiter nach Südosten, immer höher die Berge hinauf, immer näher an die iranische Grenze, er hat dort mit Einheimischen geredet und mit Flüchtlingen, er hat Fotos gemacht und seine Videokamera draufgehalten, bis er einmal, in Van war das, seinen Vater am Handy anrief, „rate mal, wo ich bin?“, und der Vater ihm entnervt sagte: Hör auf, geh nicht weiter, das ist zu gefährlich.

„Ich bewundere sehr, was er da tut“, sagt sein Vater heute. Sie sitzen gemeinsam im elterlichen Wohnzimmer, eine schlichte, aufgeräumte Wohnung im zwanzigsten Bezirk, ein Schrankwand mit Vitrine, ein persischer Teppich. Der Vater sitzt aufrecht auf seinem Sessel, ein hagerer Mann in einer schlichten Strickjacke, er wählt seine Worte mit Bedacht, ein Büchermensch eben. „Unsere Geschichte ist nicht mehr privat. So wie Arash sie verarbeitet hat, ist es Kunst“, sagt er anerkennend hinter seinen Brillengläsern. „Das hat er gut gemacht.“

Bloß die Mutter, die mit Überschwang ansonsten freigiebiger umgeht, hat am Schaffen ihres Sohnes eine kleine inhaltliche Korrektur anzubringen. „Nicht dass Sie glauben, wir weinen in Wirklichkeit auch so viel wie im Film“, sagt sie.

Man kann die Geschichte der persischen Familie Riahi als eine runde, gelungene Integrationsgeschichte erzählen, auch wenn sie, streng genommmen, mit einem sozialen Abstieg begann. Der Vater war in Isfahan Professor für englische Literatur, die Mutter Lehrerin für persische Literatur. Als sie vor ziemlich genau 25 Jahren in Wien ankamen, waren sie Flüchtlinge mit Geld für drei Tage. Sie bekamen Asyl, das Amt steckte den Vater in einen Maschinenschlosserkurs. „Fräsen, löten, schweißen, das war sehr schwer für mich, aber ich hab alle Prüfungen geschafft“, sagt er.

Die Mutter nähte Dirndlkleider, dann nähte sie für Ikea, packte Eislutscher bei der Firma Schöller ein, heute betreut sie Kinder im Hort einer Volksschule. Der Vater fräste und lötete, malte und spachtelte, wurde er an der Werkbank der Fabrik krank. Dann legte er Prospekte in Kronenzeitung und Kurier ein, führte den Haushalt, schließlich hielt er Kurse auf der Volkshochschule.

„Wir kannten niemanden hier“, sagt die Mutter. „Wir wussten nur: Wir müssen deutsch lernen, schauen, dass aus unseren drei Kindern was wird, und fröhlich bleiben.“

Jetzt sitzen die drei auf dem Sofa. Sie kommen regelmäßig nach Hause. Arman, der jüngste, macht Fernsehen und schreibt Drehbücher, die 29jährige Azadeh ist Turnusärztin in einem Wiener Spital, und was Arash tut, steht ohnehin in der Zeitung. Mama schneidet alles aus, da hat sie viel zu tun in letzter Zeit; manchmal zeigen ihr die Arbeitskolleginnen etwas, das sie übersehen hat. Als Arash wegmuss, zu einem Interview ins Funkhaus, ermahnt sie ihn, einen Mitschnitt mitzubringen.

Ein bisschen, erzählt die Mutter, haben sie schon kämpfen müssen, dass er aufs Gymnasium darf. Im Hort, wo sie arbeitet, sieht sie, wie das läuft; wie leicht Talente von Ausländerkindern übersehen werden, wie schnell sie in die Hauptschule abgeschoben werden. Arash hat mit Auszeichnung maturiert.

Ob es nicht auch eine Last sei, zu wissen, wie schwer es die Eltern hatten? Ob man nicht Angst habe, Erwartungen zu enttäuschen? Azadeh sagt, sie habe, seit sie ein kleines Mädchen war, die Formel gegen das Sterben erfinden wollen, sie habe ihren Medizin-Doktor sicher auch für ihre Eltern gemacht. Arman sagt, er habe große Achtung vor den Eltern. „Ich wär mir irgendwie schäbig vorgekommen, wenn ich die Schule geschmissen und gesagt hätte: Scheiß drauf.“ „Belastung, Mühe, so ein Quatsch“, sagt die Mutter. „Wir haben getan, was Eltern eben tun, und es war uns eine große Freude.“

Als die Mutter mit Arman schwanger war, erfuhr sie, dass die Revolutionshüter sie verhaften wollten. Bloß konnten sie sich nicht entscheiden, ob das Ungeborene schon die Saat der Gottlosigkeit in sich trage, oder ob man mit der Festnahme der Mutter bis nach der Geburt warten solle, weil das Ungeborene unschuldig sei. Bevor sie sich entschieden, tauchten die Eltern unter.

Der Vater war schon vorher, unter dem Schah-Regime, fünf Jahre lang im Gefängnis gesessen. Arash, damals ein Kleinkind, schlug bei jedem Besuch so wütend gegen die Glasscheibe, dass es sogar die Wärter rührte. Nach der Khomeini-Revolution hätte es im Iran besser werden sollen; es wurde aber nicht besser. Nicht für linke Intellektuelle, denen iranische Dichter näher standen als Allah.

Azadeh war drei, Arman knapp eineinhalb, als die Eltern gewarnt wurden, jetzt werde es brenzlig. Die Flucht wäre mit den beiden Kleinkindern nicht zu schaffen gewesen, sie ließen sie in der Obhut von Verwandten zurück. Von Azy steckten sie ein einzelnes Söckchen ein, von Arman das Lieblingstaschentuch. Über ein Jahr sollte es dauern, bis die Kinder, in Begleitung zweier Onkel, denselben abenteuerlichen Weg über die Berge hinter sich brachten wie zuvor die Eltern und der große Bruder, und man einander am Flughafen Schwechat wiederfand.

Für Azadeh war es ein eigenartiges Gefühl, Szenen aus dieser – ihrer eigenen – Geschichte nun im Kino zu sehen. „Ich hab ja praktisch keine bewusste Erinnerung daran“, sagt sie. „Hör auf zu weinen, sonst kommt der Khomeini, hab ich einmal auf dem Berg zu Arman gesagt. Das ist das einzige, was ich noch weiß.“ Arman lacht.

Man kann die Geschichte der Riahis jedoch auch als eine Verlustgeschichte erzählen, und als verworrene Suche nach etwas, das die Leere füllt. Zwei passbildkleine Fotos stehen gerahmt im Vitrinenschrank, das von Arman ist zerknittert, Azadeh steht im Pyjama vor dem Gitterbett, an den leuchtend rotblonden Haaren erkennt man sie. Es sind die einzigen Fotos, die es aus dieser Zeit gibt. Alles andere – Erinnerungen ans Haus, an die Verwandtschaft, an die Studentenzeit, Dokumete, Bücher – ist weg.

„Iran, Herkunft, Heimweh waren für mich sehr lange kein Thema, ich hab ja nie fremd ausgeschaut mit meinen Haaren,“ sagt Azadeh. „Seltsam war bloß: Da war ständig die Rede von der riesigen Familie, aber wir waren hier immer die einzigen, getrennt, allein.“ „Manchmal hab ich Angst, ich verliere die Sprache, weil so wenig Perser um mich sind“, sagt Arman, „jetzt hab ich in der U-Bahn immer ein Persisch-Lehrbuch dabei“.

Man hätte sich mit diesen Leerstellen wahrscheinlich irgendwie einrichten können, hätte nicht Arash ständig allen mit der Videokamera unter der Nase herumgefuchtelt. Man schickte Videokassetten nach Teheran und Isfahan, nach Schweden und nach Dallas/Texas zu den anderen geflüchteten Tanten, und hielt Leute, die man teils noch nie gesehen hatte, über den Alltag in Favoriten auf dem laufenden. Das Gefilme mutet an wie der verzweifelte Versuch, einen zerfransenden Teppich zusammenzuhalten, über die Kontinente hinweg, ständig muss man einen Faden festhalten, der einem entwischt, und ständig drängt sich irgendwo im Exil ein neuer Tonfall, eine neue, seltsame Gewohnheit ins gemeinsame Ritual.

Irgendwann entstand aus diesen vielen Kassetten „Exile Family Movie“, Arashs zweiter großer Dokumentarfilm. Er zeigt Vater beim Kochen, Mutter beim Philosophieren, und schließlich alle gemeinsam in Mekka, wo sich die Familie aus der ganzen Welt, als Pilger verkleidet, in einem Hotelzimmer trifft. Dort wickeln sie einander aus dem Tschador, dort wird geweint, geküsst, getanzt und gestritten. Die Tante aus Dallas erzählt der zahnlosen, ratlos lauschenden Oma aus Isfahan die Inhaltsangabe ihrer Lieblings-Soap, Azy kämpft bockig mit dem Schleier und versucht, ihren Tanten das Beten auszureden, zum Abschied verteilt die praktisch veranlagte Mutter Moulinex-Tischgriller an alle.

Diese Menschen kannten einander kaum, sie teilten kaum Gewohnheiten und Weltanschauungen, und doch blieben sie einander verbunden: Dieses Grundgefühl war so schön, dass die intime Low-Budget-Produktion ein Überraschungserfolg im Kino wurde. Vielleicht ist es etwas Ähnliches, das die Geschichte der Riahis derart spannend macht: Sie zeigt, dass der zweite Blick lohnt.

„Man muss immer schauen, wer drunter steckt“, sagt die Mutter denn auch zum Thema Kopftuch. Sie hat in 25 Jahren Österreich die Worte Ausländer, Moslems, Asylanten oft gehört, und ihr scheint, dass der Tonfall, der unter diese Worte gelegt wird, schneidender geworden ist. Meistens versichert man Menschen wie den Riahis, sie seien ja gar nicht gemeint, sie seien ja eh anders, eh nett, eh ok. Aber genau das will die Mutter nicht hören. „Na klar bin ich eine Ausländerin, Muslimin, Asylantin. Das Problem ist bloß, wenn wer glaubt, wir seien alle gleich.“

Ihre Schwester, die in Dallas lebt, hat die Erfahrung gemacht, dass die Amerikaner sich kaum dafür interessieren, aus welchem Land sie stammt. In Österreich, meint die Mutter, werde man das oft gefragt. Aber für die tatsächlichen Erlebnisse, die jeden Flüchtling von jedem anderen Flüchtling unterscheiden, interessiere man sich kaum.

„Was für uns Vergangenheit ist, fängt für andere gerade erst an“, sagt der Vater. Deswegen sitzt er jetzt fast jeden Abend am Computer und schreibt seine Geschichte auf, die Mutter, Azy und Arman tun das ebenfalls. Es soll ein Buch werden, es ist eine Art Pflichterfüllung, und soll an alle erinnern, die dazu beigetragen haben, dass die Familie Riahi noch lebt.

„Kriminelle Schlepperbanden, wenn ich das Wort schon höre“ murmelt der Vater. Als das Kind beinahe erfroren war und alle Kleider verbrannt, hat der Schlepper ihm seine eigene Jacke über die Schulter gelegt, die haben sie abwechselnd getragen, sie hat ihnen das Leben gerettet. Der Vater hat versprochen, die Jacke zurückzuschicken, sobald sie in Sicherheit sind.

Er hat Wort gehalten, die Jacke hat er also auch nicht mehr.

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