Money, Power, viele Weiber und große Klunker waren die Erfolgsinsignien des Gangsta-Rappers. Seit Obama da ist, hat es der Rapper schwer.

Essay: Sibylle Hamann

Eigentlich hat Curtis Jackson alles richtig gemacht. Zumindest hat er alles genau so gemacht, wie er es in der Nachbarschaft, in the ‚hood, lernte. Auf der Straße in South Jamaica, im New Yorker Stadtteil Queens, wo er aufwuchs, schaute er stets drauf, dass ihn nie jemand in den falschen Sneakers antraf. Die Schule schmiss er mit zwölf Jahren, als ihn der Metalldetektor an der Schulpforte mit einer Waffe erwischte.

Das traf sich gut, denn so hatte er mehr Zeit zum Dealen. Es waren die Achtziger Jahre, New York war das Epizentrum des Crack-Kosmos, da konnte man sehr reich werden.

Aber weil Geld nicht alles ist, und Respekt („respect!“) manchmal noch wichtiger, suchte Curtis einen Beruf mit Glamour- und Karriereoption. Boxen oder Rappen waren in South Jamaica die beiden Möglichkeiten, Curtis entschied sich fürs Rappen und nannte sich hinfort „50 Cent“.

Sein erstes Album nannte er programmatisch „Get rich or die tryin'“. Es war eines der erfolgreichsten Debuts aller Zeiten, verkaufte sich in der ersten Woche 900.000mal, und machte 50 Cent tatsächlich reich. Er kaufte sich um 4,1 Millionen Dollar ein Haus mit 52 Zimmern, 25 Badezimmern, 5 Jacuzzi-Pools, Kino und zwei Billiardzimmern. Vorbesitzer war Mike Tyson (jener Boxer aus dem Brooklyner Getto Brownsville, der wegen Vergewaltigung im Gefängnis saß und später seinem Gegner Evander Holyfield im Boxring einen Teil der linken Ohrmuschel abbiss).

„Ein Mann ist attraktiv, wenn er erfolgreich ist und öffentlich wahrgenommen wird“, stellte „50 Cent“ fest, „Macht ist ein Aphrodisiakum.“ Er verdiente mittlerweile 33 Millionen Dollar im Jahr, lieh seinen Namen einer eigenen Street-Wear-Kollektion, einem Vitamin-Drink, einem Körperspray. Er machte Werbung für Playstations und Kondome und prangte auf den Titelblättern aller großen Magazine.

Im November vergangenen Jahres schließlich, kurz vor der Präsidentenwahl, folgte der Ritterschlag: Da bekam er seine eigene Fernsehshow bei MTV mit dem Titel „The Money and the Power“. Hoffnungsvolle Nachwuchs-Rapper durften da gegeneinander antreten und verschiedene Episoden aus Curtis‘ märchenhafter Aufstiegsgeschichte nachspielen, und der durfte die Kandidaten und Kandidatinnen, ganz nach seinem Gutdünken, belohnen, beschimpfen oder feuern.

Doch nach zwei Monaten nur wurde die Show abgesetzt. So etwas wolle keiner mehr sehen, sagte MTV-Präsident Brian Gradenthe kühl, es war knapp vor der feierlichen Angelobung des neuen amerikanischen Präsidenten. MTV werde in Hinkunft auf eine auf eine neue Art Reality-Shows setzen – „solche, in denen junge Leute sich bewähren, auf sinnvolle Art beweisen können. Denn das sind die Themen, die mit der Generation Obama zusammenpassen.“

Offenbar war da irgendetwas durcheinandergeraten in den Koordinaten, nach denen Curtis, der kleine Bub aus South Jamaica, sein Leben und seinen Aufstieg ausgerichtet hatte.

Dass Barack Obama seit Dienstag Präsident der Vereinigten Staaten ist, wird nicht nur auf die Weltpolitik Auswirkungen haben, sondern auch auf den Gefühlshaushalt von schwarzen Männern in Amerika. Denn plötzlich gibt es da ein neues Rolemodel, das ganz anders ist als fast alle, die ihnen bisher zur Verfügung standen.

Im amerikanischen Pop-, TV- und Entertainment-Universum galt nämlich in den vergangenen Jahren eine unerbittliche Regel: Ein schwarzer Mann, der reich, berühmt und cool sein will, muss sich der Hip-Hop-Ästhetik unterwerfen und die Attitüde des zornigen Underdogs pflegen. Sanftmütige, feinnervige, gebildete Hoollywood-Stars wie Denzel Washington oder Will Smith konnten sich noch so sehr anstrengen – gegen die allgegenwärtigen Getto-Posen ihrer Kollegen blieben sie stets eine Randerscheinung.

In die Schule gehen, Bücher lesen, lernen, gute Noten heimbringen und damit erfolgreich sein: „Acting White“ heißt das in den USA. Wenn ein schwarzer männlicher Jugendlicher diesen Ausdruck hört, ist das normalerweise nicht als Kompliment gemeint, im Gegenteil. Es bedeutet: Wer nicht ins Gefängnis, sondern nach Harvard will und sich eine Krawatte umbindet, ist uncool, impotent, schwul, kurz: unmännlich.

In den Gettos hat dieser soziale Druck mitunter verheerende reale Auswirkungen. Studien belegen immer wieder, dass speziell schwarze männliche Jugendliche ihren Schulerfolg damit bezahlen, dass sie in ihrer unmittelbaren Umgebung in der Achtung sinken; dass sie von anderen männlichen Jugendlichen ausgeschlossen oder gehänselt werden.

Doch jetzt wurde ein schwarzer Harvard-Absolvent in Anzug und Krawatte von der überwältigenden Mehrheit der schwarzen Amerikaner zum Präsidenten gewählt, ohne dass sein Coolness-Faktor, seine Popstar-Eignung oder seine Männlichkeit gelitten hätten. Der schwarze Bürgerrechtler Jesse Jackson hat die Schmähung, er verhalte sich „wie ein Weißer“, zwar auch gegenüber Obama versucht – doch sie ist abgeperlt, ohne jede sichtbare Wirkung.

Das ist neu. Und an dieser Umwertung alter Gewissheiten muss sich das schwarze Amerika erst einmal abarbeiten.

Die Verunsicherung bringt ein zehnminütiger Dokumentarfilm auf den Punkt, der seit zwei Monaten auf Youtube herumgereicht und lebhaft diskutiert wird. Er heißt „Barack&Curtis“ und ist das Werk des Regisseurs Byron Hurt, der sich seit Jahren mit der Hip-Hop-Kultur auseinandersetzt. In einigen präzisen Interviews und schlichten, schnellen Schnitten stellt der Film den schwarzen Mann 50 Cent dem schwarzen Mann Obama gegenüber. Erfolgreich und reich sind sie beide. Doch ihre Art, männlich zu sein, unterscheidet sich grundsätzlich.

Der eine hält klassische Tugenden hoch: Verantwortungsgefühl, Fürsorglichkeit, Treue, „Stilsicherheit und klassische Eleganz wie Duke Ellington“, wie Angela Davis, einst Bürgerrechtsaktivistin von den „Black Panthers“ schwärmt.

Der andere zündet sich dicke Zigarren an, hängt sich teure Klunker um den Hals, fährt dicke Schlitten und hält grinsend Geldbündel in die Kamera. Wer Geld hat, kriegt Mädchen; wer grob zu Mädchen ist, kriegt noch mehr von ihnen. Die Botschaft an die Frauen, an die Weißen, an den Staat, ist nicht schwer zu verstehen: Reden bringt nichts. Sie müssen Angst vor dir haben, nur dann respektieren sie dich.

Im direkten Vergleich sieht dieses Männlichkeitsbild plötzlich erschreckend alt aus.

Ohnehin sei es eine Falle, warnt im Interview der Historiker Jelani Cobb – es bediene sich nämlich aus demselben Klischeefundus wie die Vorurteile weißer Rassisten. Es stellt den schwarzen Mann als körperlich stark und sexuell potent dar, gleichzeitig jedoch als faul, hemmungslos materialistisch, unberechenbar und aggressiv. Aus dieser Zuschreibung von Eigenschaften kann man bloß einen Schluss ziehen: Wenn der schwarze Mann gefährlich ist, tut der weiße Mann gut daran, ihn klein zu halten und ihn nicht an die Macht zu lassen.

In dieselbe Kerbe schlägt im Film auch der Blogger Matt Birkhold: „Gangsta-Rap erledigt das Geschäft der weißen Suprematisten“, sagt er. „Er folgt exakt derselben Logik wie jene, die die Sklaverei erfunden haben.“

Tatsächlich gibt es viele Indizien dafür, dass gerade das konservative weiße Amerika mit dem Klischee vom schwarzen Gangsta sehr lange sehr gut leben konnte. Die Posen einer kleinen Minderheit wurden millionenfach reproduziert und verfestigten sich in Musikclips, im Werbefernsehen, in der Mode und auf den Klatschseiten der Magazine zum angeblich dominanten schwarzen Lebensstil.

„In meiner Nachbarschaft ist es so: Wenn du zu viele Gefühle hast, wenn du zu weinen beginnst, bist du ein Opfer“, durften Leute wie „50 Cent“ immer wieder erzählen. „Das Kind am Schulhof, das nicht kämpfen will, geht immer mit einem blauen Auge nach Hause.“

Der weiße Mainstream hörte sich solche Geschichten mit angemessenem Gruseln an, aber er kam niemals auf die Idee, sie tatsächlich als Anleitung für ein erfolgreiches Leben zu begreifen. Ihm dienten diese Geschichten bloß als Konsumanleitung für coole Turnschuhe; als Projektionsfläche ihrer Ängste; und als Untermauerung ihrer vagen Ahnung, die Schwarzen seien eben „noch nicht so weit“.

Ironischerweise scheint Curtis Jackson alias „50 Cent“ diese Weltsicht geteilt zu haben, zumindest bis von kurzem. Jahrelang hegte er politische Bewunderung für George W. Bush. Während des demokratischen Vorwahlkampfes schlug sich Jackson dann öffentlich auf der Seite von Hillary Clinton – mit dem Argument, ein schwarzer Präsidentschaftskandidat werde sicher umgebracht.

Als ein Fernsehjournalist den Rapper neulich beim Aussteigen aus seiner Strech-Limousine abpasste und nach seiner Meinung zu Barack Obama fragte, war sich „50 Cent“ jedoch nicht mehr ganz so sicher. Der Wahlkampf habe ihn irgendwann zu langweilen begonnen, sagte er fahrig, er habe an Politik das Interesse verloren.

Während er nicht aufgepasst hat, ist das Kind am Schulhof, das nicht kämpfen will, plötzlich an die Macht gekommen. Und irgendwie scheint es, als hätte der Gangsta den Faden verloren.

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