Danke der Nachfrage, uns fehlt eigentlich gar nichts. Im Gegenteil: Autofreiheit macht das Leben schöner.

Polemik: Sibylle Hamann

Mit dem Autofahren ist es ein bisschen so wie mit dem Rauchen. Wenn mans regelmäßig tut, hat man das Gefühl, es ginge gar nicht anders. Der erste Kaffee am Morgen; das In-die-Luft-Starren danach; die kurze Pause, während der Computer hochfährt; der Erschöpfungsmoment nach einem mühsamen Telefonat – wenn ein Raucher versucht, sich all das in der Nichtrauchervariante vorzustellen, dann erscheint ihm das Nichtraucherleben als unendliche Abfolge von Verzichtsmomenten, von Sehnsucht und Qual.

Was den Nichtraucher mit der Nicht-Autofahrerin verbindet: Beide werden ex negativo definiert, so als sei das, was ihnen fehlt, wesensbestimmend. Rücken wir diesen Grundirrtum gleich einmal zurecht: Danke der Nachfrage, aber uns fehlt eigentlich gar nichts. Denn das Auto erzeugt, entgegen einem weitverbreiteten Irrtum, nicht Freiheit, sondern Zwang. Und Autofreiheit schränkt das Leben keineswegs ein – sondern erzeugt, Mobilität. Bloß eine andere Sorte davon.

Das liegt, zunächst einmal, in der Natur der Stadt. Stadt bedeutet, per Definition, Dichte. Es bedeutet: große Vielfalt auf kleinem Raum, kurze Wege. Weil Städte, vom mittelalterlichen San Gimignano bis Manhattan und Tokio, prinzipiell nicht in die Breite wachsen, sondern in die Höhe.

Das Auto läuft diesem städtischen Prinzip diametral zuwider. Mit der Vertikalen kann es nichts anfangen. Weil es zum Manövrieren Platz braucht, zwingt es die Stadt stets in die horizontale Ausdehnung, und erzeugt damit unendlich viel tote Fläche, die für Lebewesen unbenützbar ist. Zu besichtigen nicht nur in Los Angeles, sondern auch an jeder Wiener Ausfallstraße, auf jedem Parkplatz, bei jedem Shoppingcenter und in jeder Einfamilienhaussiedlung.

Wer zu Fuß, mit dem Fahrrad und mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, ist Herr oder Herrin über die eigenen Wege – man kann Wege jederzeit unterbrechen, fortsetzen, umkehren, einkehren. Dass dort Kommunikation und unverhoffte Begegnungen möglich sind, macht die Straße erst zum öffentlichen Raum.

Aus dem Auto hingegen kann man höchstens herausfuchteln. Fürs Auto, das stets einen Anfangs- und Endpunkt samt Abstellplatz verlangt, ist der Weg dazwischen bedeutungslos. Der öffentliche Raum verkommt zum Abstand, der überbrückt werden muss, und ständig steht was im Weg. Die Stadt wird so zum permanenten Hindernis (was Autofahrern offensichtlich auf die Laune schlägt).

Wer autofrei lebt, muss mehr tragen. Wer alles, was er braucht, erst tragen muss, schmeißt am Ende wahrscheinlich weniger weg. Also muss, wer autofrei lebt, anders konsumieren. Da stopft man, um eine Familie satt zu kriegen, nicht samstags den Kofferraum voll, sondern grast beinahe permanent seine Wohnumgebung zum Einkaufen ab. Damit erzeugt man jedoch erst jene Vielfalt an Geschäften und Kleingewerbe, die das städtische Leben ausmacht.

Logisch, dass es diese Vielfalt eher in der Innenstadt gibt als in der Peripherie. Aber wer meint, mit dem Leben an der Peripherie ausgerechnet Kindern einen Gefallen zu tun, sitzt warscheinlich einer Lüge auf. Wo es keine kurzen Wege gibt, können sich speziell Kinder nirgendwohin bewegen, ohne vom Auto (samt Erziehungsberechtigten) hingebracht zu werden. Nähe, Dichte, städtische Infrastruktur und öffentliche Verkehrsmittel vergrößern, so paradox das klingen mag, ihren Bewegungsradius – und ihre Freiheit.

Wohnen in der Stadt ist teuer, kann man einwenden, und das muss man sich erst einmal leisten können. Richtig. Aber diese Rechnung geht gleich ganz anders aus, wenn man die Kosten, die man beim Auto spart, aufs Wohnbudget draufschlägt. Da bleibt sogar noch einiges fürs Taxi übrig.

Womit wir beim Geld wären, und bei einer der heimtückischsten Fallen des Autobesitzes: Ein Auto besteht drauf, seine Existenz zu rechtfertigen. Oder, anders gesagt: Weil es schon mal da ist, muss man es auch nützen, damit es sich auszahlt, dass man es hat.

Es gibt nämlich für jeden Weg, jede Erledigung, jede Reise das ideale Verkehrsmittel. Die Kinder bringt man mit dem Fahrrad in die Schule, für den Möbeltransport mietet man sich den Kombi, den Wein lässt man liefern, abends lässt man sich mit dem Taxi heimfahren, und das Reisegepäck bringt (hoffentlich) die ÖBB. Autofreiheit bedeutet: Dass man die Ideallösung, je nach den konkreten Umständen, jedes mal frei wählen kann. Autobesitz hingegen schränkt die Wahlfreiheit massiv ein – weil die Kosten dafür stets zusätzliche sind.

Das Auto engt also ein. Den Bewegungsradius, das Blickfeld, den finanziellen Spielraum, den öffentlichen Raum. Es frisst nicht nur Benzin, sondern auch Zeit, die man ebensogut Menschen, beliebigen technischen Geräten oder sinnlosen Hobbies widmen kann. Es blockiert Speicherplatz im Gehirn – für die Winterreifen und die Strafmandate, den Kindersitz und den Lackschaden, das Park- und das Autobahnpickerl, das Klumpert im Kofferraum und das Fahrtenbuch für die Steuererklärung.

Wie schön, dass man es auch verschrotten kann. Das tut gar nicht weh.

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