Er tadelt, er kümmert sich, er hört zu und räumt auf: Im Kampf um den Gemeindebau besinnt sich die SPÖ auf den Hausbesorger als Rollenvorbild.

Eine Reportage.

Es müssen die Wetterschwankungen sein, meint Herr Lehner. Die spürt er sofort. Bei Wetterschwankungen gleiten jene, die dafür anfällig sind, in eine depressive Phase und sind noch einsamer als sonst. Andere werden hyperaktiv, dann geht einiges kaputt.

Gut, dass Lehner dann zur Stelle ist. Im Sommer mit dem Rechen, im Winter mit der Schneeschneeschaufel in der Hand, auf Stiege 15, oder sonstwo im Haus. „Ich bin halt da, wenn wer reden will“, sagt er. Und an manchen Tagen, jenen vor dem Wetterumschwung vor allem, sei dieses Bedürfnis so dringend, „dass sich der eine anstellen muss, bis ich mit dem anderen fertig bin.“

Raimund Lehner ist 55 und seit über 20 Jahren Hausbesorger im Gemeindebau Am Schöpfwerk. Das ist eine der großen Prestigesiedlungen der Ära Gratz, in Meidling gleich neben der U6. 17 Hektar, 1700 Wohnungen, zwei Hochhäuser, Nordring, Ostring, „Oktogon“. Es gibt eine Volksschule, eine Musikhauptschule, eine Kirche, drei Kilometer Laubengänge aus Beton, kugelförmige Lampen und sehr, sehr viele Betontröge, in denen wenig wächst. Würde ein Locationscout eine Kulisse suchen, um das Ostberlin der Siebzigerjahre nachzustellen, er wäre hier richtig.

Es war schon einiges los hier. In den Achtzigerjahren, als die Kinder der ersten Schöpfwerk-Generation kollektiv pubertierten, hieß der Ort „die G’sindelsiedlung“. Das vermerken die Sozialarbeiter, die die Schöpfwerkzeitung „Schimmel“ herausgeben, heute mit beinah sentimentalem Stolz.

Raimund Lehner jedenfalls hat das damals nicht geschreckt. Er nennt sich kokett „den letzten Roten im Gemeindebau“, und ist fest überzeugt, dass er geholfen hat, diesen Mikrokosmos jahrzehntelang zusammenzuhalten.

„Der Mensch hat halt gern Ordnung“ sagt er, „und der Hausbesorger schaut drauf, dass jeder die Regeln einhält. Wir haben den Überblick, was los ist in der Anlage. Und wir tun was, bevor die Menschen richtig grantig werden.“

Michael Häupl ist bald 60, und seit 15 Jahren Bürgermeister. Er hat in den vergangenen Wochen ähnliche Prinzipien entdeckt. „Wien ist wie ein großes Haus“, erklärt er den Bürgern überall in der Stadt auf roten Werbeplakaten. „Es funktioniert nur, wenn sich alle an die Hausordnung halten.“ In Zeitungen folgten, in Form bezahlter Medienkooperationen, noch detailliertere Anweisungen: zu Müll und Lärm, zu Hundekot und zu höflichen Umgangsformen.

Die Stadt als große Wohngemeinschaft, und Häupl als strenger, aber wohlmeinender Erzieher? Das ist, in dieser Direktheit, eine neue politische Pose, und man könnte vermuten: Hier ist Strategie am Werk. Nächstes Jahr ist Landtagswahl. Die FPÖ feuert bereits aus vollen Rohren, sie hat insbesondere den Gemeindebau zur Kampfzone erklärt. Doch dieses Territorium wird die SPÖ mit Zähnen und Klauen verteidigen.

500.000 Menschen wohnen in den 2000 Wiener Gemeindebauten. Das ist mehr als in Graz, Salzburg und Klagenfurt zusammen. Wohnbaustadtrat Michael Ludwig ist dafür verantwortlich, dass in dieser sehr speziellen Subkultur nichts aus dem Ruder läuft. Er sitzt in einem hellen, modernen Büro gleich neben dem Rathaus, er ist ein freundlicher Mann, eben erst ist er zum Vizebürgermeister aufgestiegen. Er ist selbst im Gemeindebau aufgewachsen, in Großjedlersdorf, und weiß, wie brüchig das Geflecht aus Abhängigkeiten, Wünschen und Emotionen dort sein kann.

„Früher war es einfacher“ gibt er zu. „Da hatte man ein einheitliches Lebensumfeld und ein ähliches Lebensgefühl. Tagsüber arbeitete man in demselbem Gaswerk, abends ging man mit den Arbeitskollegen nach Hause.“ Heute sind die Gemeindebauten bunter zusammengewürfelt, die Fluktuation ist höher. Ganze Kohorten von Jungfamilien sind gemeinsam gealtert, in manchen Bauten vereinsamen heute alleinstehende Pensionistinnen und können mit den Neu-Zuzüglern nichts anfangen.

Vor allem aber zogen viele Parteifunktionäre weg. „Da kann es man es niemandem recht machen“, sagt Ludwig. „Wenn man dort bleibt, heißt es, man ist privilegiert. Wenn man wegzieht, heißt es, man fühlt sich als was besseres.“

Wer seinen Wählern nicht mehr am Gang begegnet, muss anders fragen. „Wir wollen wissen, wie es Ihnen geht“, stand Ende 2008 auf einem Fragebogen an alle Gemeindemieter. Der hohe Rücklauf verriet das dringende Mitteilungsbedürfnis und ergab ein widersprüchliches Bild: Kaum einer will wegziehen, sicher fühlt man sich ebenfalls. 56% sagen, sie seien „nie“ in Konflikte verwickelt. Doch dem pernölichen Erleben traut man offenbar nicht ganz – denn gleichzeitig vermuten zwei Drittel Konflikte zwischen anderen Mietern. 71% halten „Spielregeln für sehr wichtig“, knapp die Hälfte allerdings meint, andere hielten sich nicht daran.

Ludwig hört da eine starke emotionale Identifikation mit dem Gemeindebau heraus. Was er eine „hohe Kontaktfreudigkeit“ nennt, könnte man jedoch auch als latentes Unbehagen interpretieren: 860.000 Anrufe gehen jedes Jahr bei Wiener Wohnen ein. Meist geht es um Lärm, Schmutz, Hunde, die Betriebskosten, Schäden an der Wohnung. „Kaum ein Mieter käme auf die Idee, einen privaten Hausbesitzer anzurufen, wenn er etwas braucht“, sagt der Stadtrat. „Aber wir haben Verantwortung für diese Menschen übernommen, darauf sind wir stolz. Und deswegen müssen wir uns um sie kümmern.“

Einfach ist das nicht immer. Im Schöpfwerk ist da zum Beispiel der Schimmelpilz, der sich beharrlich durch die Mauern frisst. Wie bei jedem Konflikt geht es um die Frage: Wer ist schuld? Eine konkrete Antwort wäre: Nach dreißig Jahren sind die Fugen in den Badezimmern undicht, außerdem haben die Fenster das Ende ihrer Lebendauer erreicht. Doch die abstrakte Antwort ist einfacher: Alles verkommt, „denen da oben“ ist das wurscht, Geld wollen sie trotzdem von mir, und erst, wenn ich sie nicht mehr wähle, werden sie spüren, dass es mich gibt.

Oder – die Waschküchengeschichte. Sie zieht sich über viele Jahre, passierte an vielen Orten gleichzeitig, und geht so: Ein Haushalt im Gemeindebau hat einen halben Tag pro Monat zum Waschen zur Verfügung. Früher verwaltete der Hausbesorger die Liste, teilte den Parteien die Tage zu und verteilte, für 3,78 Euro bar auf die Hand, die Waschmünzen.

Dann kam Wohnbaustadtrat Werner Faymann und modernisierte. Die Verwaltungsstelle hieß nun „Wiener Wohnen“, die oft gefürchteten, oft allzu selbstherrlichen „Hausinspektoren“ wurden durch „Wohnberater“ ersetzt, seither gibt es Sprechstundenservice, Info-Broschüren mit professionellem Layout, ein Callcenter. Und im August 2002 wurden die Waschküchenmünzen ersatzlos abgeschafft.

„Als die Waschküchen für alle offen waren, ist es losgegangen“, erinnert sich Hausbesorger Lehner. „Jeder hat sofort vermutet, dass er für andere mitzahlen muss.“ Lange war das Wort „Ausländer“ in korrekten SPÖ-Kreisen tabu. Nun hatte man dafür ein Codewort gefunden: „Man hat ‚Waschküche‘ gesagt und ‚Ausländer‘ gemeint.“

Viele Ausländer wohnen in Zinshäusern ohne Waschmaschinen, deswegen wuschen Gemeindebau-Verwandte manchmal für sie mit. Um mit den Wäschebergen mithalten zu können, schleppten alteingesessene Österreicher die Handtücher aus dem Friseurgeschäft an, die nach Rauch stinkenden Tischtücher aus dem Wirtshaus. Es gab Aggressivität, Bespitzelungen und blanken Hass. Es dauerte nicht lang, bis die FPÖ das Thema für sich entdeckte und genüsslich auswalzte. Und aus einem organisatorischen Alltagsproblem war über Nacht eine Glaubwürdigkeitskrise der SPÖ geworden.

Lehner quittiert das knapp: „Kein Wunder. So was passiert, wenn man die Leute alleinlässt.“ Schließlich dienten viele Hausbesorger jahrzehntelang auch als politische Blitzableiter und waren der direkte Draht zur Partei. Nicht selten kassierten sie mit dem Zins auch gleich die Parteisteuer und verteilten die Mitgliedsmarken. „Jetzt geht das per Dauerauftrag, und die Partei hat jede Kontrolle verloren.“

Es ist anzunehmen, dass dieser Nebeneffekt der schwarz-blauen Koalition bewusst war, als sie im Juli 2000 das Hausbesorgergesetz abschaffte. Neue Hausbesorger werden seither keine mehr angestellt. Im Schöpfwerk tun noch 11 von einst 18 Dienst, insgesamt hat sich ihre Zahl in Gemeindebauten bereits halbiert. Die „Hausbetreuungs-GmbH“, die deren Aufgaben übernahm, steht im Kreuzfeuer von Beschwerden; der jüngste Bericht des Wiener Kontrollamts bestätigte viele Mängel; im Jänner wurde Geschäftsführer Herbert Jansky aus seinem Amt entfernt. Das Urteil der Mieter ist eindeutig: 75% wünschen sich die Hausbesorger zurück.

Die Wiener Stadtregierung hat seither alle Hände voll zu tun, diesem Wunsch nachzukommen. Stadtrat Ludwig wirbt für ein Gesetz, das den Hausbesorger in neuem Gewand wieder auferstehen lassen soll, mit der Job Description eines „Mediators“: Er soll extern wohnen, aber in Kernzeiten anwesend sein; er soll eine formelle Ausbildung in erster Hilfe und Konfliktlösung bekommen, bevorzugt im zweiten Bildungsweg; und er soll kündbar sein.

Gleichzeitig wurde eine ganze Armada von Betreungspersonen unter verschiedenen Namen losgeschickt, die Nähe und Fürsorge anbieten sollen. In Meidling tourt ein Bus von „Wiener Wohnen unterwegs“ durch die Anlagen; von halb fünf bis halb sieben stehen da jeweils ein Techniker, ein kaufmännischer Referent und ein Wohnberater zur Verfügung, um sich sofort um Beschwerden, Reparaturen oder Anregungen zu kümmern. „Ordnungsberater“ haben den Spzialauftrag, Sperrmüll, Hundekot oder herrenlose Einkaufswagerln zu entfernen, den Verursachern ins Gewissen zu reden, und – wie die „Waste Watcher“ – auch Strafmandate auszustellen.

Wenn es finster wird, heißt die Fürsorge „Nightwatch“: Da ziehen Gebietsbetreuer durch die Gemeindebauten, um Lärmkonflikte zu schlichten. Die allgegenwärtigen Augen und Ohren des Hausmeisters schließlich werden durch Videokameras ersetzt – vorerst nur in finsteren Winkeln wie am Fahrradabstellplatz oder im Müllraum, vorerst nur versuchsweise in acht Anlagen. Aber: „Die Leute wollen das“, sagt Bürgermeister Häupl.

„Wir lassen uns den Gemeindebau nicht schlechtreden“, sagt er ebenfalls. Und ein bisschen Hausmeister schwingt mit, wenn er allen, die daran noch zweifeln mögen, beteuert: „Wir bringen das in Ordnung. Das können wir.“

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