Wie lang ist es her, dass bei uns der Ehemann über seine Frau bestimmen durfte?

Es ist eine noble Sache, wenn westliche Soldaten und Soldatinnen ihr Leben riskieren, um im fernen Afghanistan Freiheit, Demokratie und Menschenrechte durchzusetzen. Eben jedoch hat Präsident Karzai ein neues „Gesetz zur Regelung des Familienlebens“ der schiitischen Minderheit unterzeichnet. Da steht drin, dass „der Mann, solange er nicht auf Reisen ist, jede vierte Nacht das Recht auf Geschlechtsverkehr mit seiner Frau“ hat. Von der Frau verlangt es, sich dem zu fügen, „sofern sie keine Krankheit hat, die sich dadurch verschlimmern würde“. Weiters wird dekretiert, dass eine Frau nur „zu legitimen Zwecken das Haus verlassen darf“ und die Zustimmung des Ehemanns braucht, wenn sie arbeiten gehen oder sich weiterbilden will. Vormundschaft und Sorgerecht für die Kinder gibt das Gesetz automatisch dem Vater.

Da kann man, hier bei uns, relativ schnell Einigkeit herstellen: So eine Art Staat hat unsere Hilfe nicht verdient! Dafür, dass afghanische Männer ihre Frauen einsperren, entmündigen und vergewaltigen dürfen, ist der Westen nicht in den Krieg gezogen!

Die Empörung ist berechtigt. Sie ist wichtig, und nützt vielleicht sogar was. Aber bevor wir uns vor Empörung die Hälse heiser schreien, ist ein kleiner, schüchterner Hinweis auf unsere eigene Rechtslage angebracht.

Vergewaltigung in der Ehe ist in Österreich erst seit 1989 strafbar. In Deutschland, das in der afghanischen Nordprovinz Kunduz das Kommando führt, sogar erst seit 1998. Dieser Gesetzesänderung ging ein jahrelanges Ringen voraus, in deren Verlauf die CDU Argumente wie dieses vorbrachte: „Die Ehe verpflichtet grundsätzlich zum ehelichen Verkehr. Dazu gehört auch, die Unlust des Partners zu überwinden. Manche Männer sind einfach rabiater.“

Auch die Sache mit dem Einsperren und Entmündigen verdient einen zweiten Blick. Der Ehemann ist das „Haupt der Familie“ und der „Inhaber der väterlichen Gewalt“, „er bestimmt die Erziehungsziele, die Ausbildung und die Berufswahl der ihm zu Gehorsam verpflichteten Kinder“; die Ehefrau „ist für die Arbeit im Haushalt zuständig“, hat „die Pflicht, dem Mann an seinen Wohnsitz zu folgen“ und „die von ihm getroffenen Maßregeln zu befolgen“: Sind das ebenfalls Passagen aus dem afghanischen Gesetzbuch? Nein, die sind österreichisch.

Über den „häuslichen Wirkungsbereich“ hinaus war eine Ehefrau nicht einmal voll geschäftsfähig. Allein durfte sie keine Kauf-, Miet- oder Arbeitsverträge abschließen und keine amtlichen Dokumente für ihr Kind unterschreiben. Wenn sie berufstätig sein wollte, musste der Gatte zustimmen. Und wenn sie wegen ihres Berufs den Haushalt vernachlässigte, war das ein Scheidungsgrund.

Das ist alles verdammt lang her? Tiefstes Mittelalter, längst nicht mehr relevant? Naja. Bis 1.1.1976 war es die gültige Rechtslage in Österreich. Man kann sagen: Wir sind den Afghanen, was das Familienrecht betrifft, stolze 33 Jahre voraus.

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