Ab Herbst soll der Kindergarten in Wien kostenlos sein. Schon jetzt herrscht ein akuter Mangel an Pädagoginnen. Was die Gesellschaft von Kindergärtnerinnen eigentlich will, ist unklar. Ist diese Verwirrung verübergehend, oder gibt es strukturelle Mängel im System? Kaum jemand kann das besser beurteilen als Heide Lex-Nalis, die sich seit Jahrzehnten mit der Aus- und Weiterbildung beschäftigt.

Falter: Die Kindergärten haben riesige Schwierigkeiten, Personal zu finden und zu halten. Was ist da los?

Lex-Nalis: Dahinter steckt ein grundsätzliches Problem, und das ist der Schultyp, der unsere Pädagoginnen ausbildet. Auf der berufsbildenden höheren Schule wird man im Alter zwischen 14 und 19 auf die Matura vorbereitet und gleichzeitig zur Kindergärnterin gemacht. So eine verhatschte Geschichte gibt es sonst nirgends in Europa.

Wieso verhatscht?

Das ist viel zu früh! Das sind Jugendliche! Die sind zum ersten mal verliebt, machen ihre ersten sexuellen Erfahrungen, machen den Führerschein. Die haben genug zu tun mit Englisch und Physik, und sollten gleichzeitig eine reife, erwachsene Person sein, die Kleinkindern ein Vorbild ist. Das ist eine Überforderung, zeitlich, intellektuell und emotional. Wir brauchen eine Ausbildung, die frühestens mit 18 beginnt und mindestens drei Jahre dauert. Auf der Universität. Mit der Möglichkeit, sich zu spezialisieren und in andere pädagogische Berufe zu wechseln.

War die klassische Kindergärtnerin nicht immer schon ein junges Mädel?

Ja. Aber die „Bildungsanstalt“, wie sie in den Sechzigerjahren erfunden wurde, ist antiquiert. Platt formuliert, ist die BAKIP ist der Schultyp für die aufstiegsorientierte, angepasste untere Mittelschicht. Da schickt man Töchter hin, damit sie keine Flausen in den Kopf kriegen, und was anständiges lernen, das sie später im eigenen Haushalt brauchen können.

Der Kindergarten als Übergangslösung?

Wenn man Absolventinnen über ihre Berufsziele fragt, sagen die meisten: Ich geh ein paar Jahre in den Kindergarten, dann gründe ich eine Familie. Und warum sie mit Familie nicht mehr in der Beruf zurückwollen? Dann sagen sie: Weil es besser ist, wenn ich zu Haus auf mein Kind schaue, als es in den Kindergarten zu geben. Da hab ich jahrelang gerätselt: Wir kommt man mit so einem inneren Konflikt eigentlich zurecht? Einen Beruf auszuüben, von dem man tief drinnen glaubt, er sei eigentlich zweitrangig?

Deswegen werfen so viele Kindergärtnerinnen das Handtuch?

Auch. Viele steigen aus, um zu studieren, und werden dann wunderbare Lehrerinnen. Aber die Kindergärtnerin wird stets als Mängelwesen wahrgenommen, als Nur-Fast-Lehrerin.

Das schlägt sich in der Bezahlung nieder?

Klar. Je kleiner die Kinder, desto weniger Geld. Die Ideologie die hier drinsteckt, lautet: Kleine Kinder gehören zur Mutter oder im Notfall zur „Tante“, wie das oft immer noch heißt – und eine Tante kostet nix, die macht das gern.

Ist mit diesem widersprüchlichen Berufsbild der geringe Männeranteil zu erklären?

Ich habe beobachtet, dass Burschen signifikant öfter aussteigen, weil sie den Anpassungsdruck nicht mitmachen. Die wollen einfach raus und mit den Kindern spielen. Das ist nicht erlaubt, dann spüren sie: das ist nicht meins, und lassen es wieder. Die jungen Frauen schlucken ihre Zweifel runter und sind eher bereit, eine Zeitlang so zu tun als ob.

Wie wirken sich die Selbstzweifel im Kindergartenalltag aus?

Sie führen dazu, dass die Eltern nicht als Partner gesehen werden können. In meinen Fortbildungen höre ich von den Pädagoginnen immer wieder: Die Eltern kritisieren mich, wollen was von mir, das ich nicht leisten kann, die nehmen mich nicht Ernst. Das klingt, als würden sie über ihre eigenen Eltern reden. Da fehlt ein Ablöseprozess.

Wird der Kindergarten eigentlich noch als Betreuungsort gesehen – oder als Bildungseinrichtung?

In Niederösterreich gibt es seit langem eine klare, sichtbare Trennung: Am Vormittag ist Bildung, und zwar – wie die Schule – gratis. Am Nachmittag ist Betreuung, die muss man bezahlen. Das „Kindertagesheim“, wie es in Wien heißt, kommt hingegen aus einer ganz anderen Tradition: Das ist eine Einrichtung, die den Müttern dabei helfen soll, berufstätig zu sein.

Das heißt, der Kindergarten ist immer noch nicht in erster Linie für die Kinder da?

Jedes Kind hat das Recht auf eine früh beginnende, qualitativ gute Bildung: Das wäre der Paradigmenwechsel, den wir brauchen. Für Kinder aus bildungsfernen Schichten wäre das die einzige Chance. Wir machen da grad ein paar kleine Schritte.

Aber weit sind wir noch nicht?

Im Salzkammergut hab ich die Rede eines SPÖ-Bürgermeisters gehört, der sagte: Gott sei Dank ist es hier bei uns noch nicht soweit, dass wir eine Kinderkrippe einrichten müssen. Nein, weit sind wir noch nicht.

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