Die Arbeit hoch! Aber was heißt Arbeit eigentlich?

„Stimmt an das Lied der hohen Braut/Die schon dem Menschen angetraut/Eh er selbst Mensch war noch“: Es ist wieder Erster Mai. „Die Arbeit hoch!“: Da singen alle mit, die Angestellten, die Arbeitssuchenden, die Pensionistinnen, die „Arbeitgeber und die Arbeitnehmer“, wie es so schön heißt. (Obwohl: Wer gibt hier wem seine Arbeit, und wer nimmt sie?)

Einig sind sich alle auch bei der Definition, was Arbeit eigentlich sei: Wenn man täglich in ein Büro oder in eine Werkshalle oder in ein Geschäft geht, dort eine vereinbarte Anzahl an Stunden verbringt, und am Monatsende dafür einen Lohn abzüglich Sozialabgaben überwiesen bekommt. Das ist „typisch“, das ist „richtig“, so definiert sich die Normalarbeitsbiographie des Normalbürgers. Auf ihn (der tatsächlich, der Norm nach, männlich ist) konzentriert sich die Solidarität der Gewerkschaften, die Fürsorge des Sozialministers, das Lobbying der Kammern und Sozialpartner, die Unterstützung des AMS und das aktuelle Regierungsprogramm.

Doch es gibt immer mehr Menschen, die sind anders. Haben hier einen Werkvertrag und dort ein Projekt, hier eine geringfügige Beschäftigung, oder gründen ein Einpersonenunternehmen. Sie kriegen ihre Arbeit nicht zugeteilt, sie schaffen sich ihre Arbeit selbst, sie sind „frei“ in aller Vieldeutigkeit, die dieses Wort in sich birgt. Manche werden sehr reich dabei, andere verarmen; die meisten halten tapfer den Kopf übers Wasser.

Gemeinsam haben diese seltsamen freien Vögel, dass sie im System eigentlich nicht vorgesehen sind. Meistens sind in mehreren Kassen gleichzeitig versichert, haben aus tageweisen Dienstverhältnissen Ansprüche auf disparate Leisungen, und jedes mal, wenn sie bei irgendeinem Amt anrufen, um Auskünfte einzuholen, werden sie hundertmal weiterverbunden, denn bei ihnen ist alles schrecklich kompliziert.

Sind das „Arbeitgeber“? Manchmal, ja, wenn sie Aufträge delegieren. Sind das „Arbeitnehmer“? Manchmal, ja, ebenfalls. Ihr Beispiel zeigt, wie absurd diese alten Kategorien mittlerweile geworden sind. Denn als „Arbeitnehmer“ kämen sie nie auf die Idee, vor dem Rathaus rote Schneuztücher zu schwenken und der SPÖ für ihr Dasein zu danken. Zum klassischen „Unternehmer“ im Sinn der ÖVP fehlt ihnen das Stecktuch und der Seitenscheitel. Für die FPÖ, die früher das Kleingewerbe vertrat, sind sie nicht ängstlich und nicht aggressiv genug. Und die Grünen? Keine Ahnung.

Die seltsamen Vögel sind viele. Sie sondieren unbekannte Territorien, sie leben die Zukunft der Arbeitswelt vor, und sie werden täglich mehr.

Eine mutige Politik würde über diese Zukunft der Arbeitswelt nachdenken und überlegen, wie man sie menschenwürdig gestalten kann. Eine feige Politik hingegen steckt die geschützte Zone ab, in der sie sich auskennt, baut einen Zaun rundherum, und winkt allen, die durch die Zaun nach draußen rutschen, mit dem Schneuztuch hinterher.

Im Winken sind SPÖVP mittlerweile ganz gut.

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