Nach 40 Jahren Migration haben es Migranten ins Fernsehen geschafft. Gratulation, ORF.

Salem kann also breakdancen. Leyla klaut einem fremden Mann am Bankomaten das Handy, weil ihr Bruder, der Arsch, ihr ihres geklaut hat. Milan aus Ex-Jugoslawien sammelt Fotos seiner Ex-Freudinnen. Jamal hat keine Aufenthaltsgenehmigung, und seit er einem anderen Burschen die Nase blutig geschlagen hat, hat er ein Problem. Alle miteinander sind sie im Prater unterwegs, hetzen durch die Fußgängerzonen der Wiener Innenstadt, schöpfen hinter Hausecken kurz Atem, um drei SMS abzusetzen. Sie haben Filzstifte zum Taggen dabei, wenn sie mit der U6 fahren. Wahrscheinlich fahren sie sogar schwarz.

Das alles ist „Tschuschenpower“, eine neue Kurzserie im ORF, über die man vor allem eines sagen muss: Es gibt sie.

Die Existenz junger Menschen mit Migrationshintergrund war im österreichischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen bisher nämlich ein gut gehütetes Staatsgeheimnis. Naturwunder aus der Antarktis zeigt man uns da gern, Massenmorde, tanzende Inder, witzelnde Kärntner, verwesende Leichen, kopulierende Murmeltiere. Bloß eines nicht: Die österreichische Gesellschaft, in all ihrer tatsächlichen Vielfalt.

40,4 Prozent aller Wiener Schulkinder haben einen Migrationshintergrund, stand vorgestern in den Zeitungen. Dennoch konstruierte man in „Mitten im Achten“ einen ausländerfreien achten Bezirk. Die Millionenshow verleugnet die Existenz von Migranten ebenso wie „Im Zentrum“ oder „Frisch gekocht“; die Heimwerkerspots ebenso wie die Kuppelshows und die Werbung. Wenn im ORF „typisch Österreichisches“ konstruiert werden sollte, waren stets Mundl und Elisabeth T. Spira dran, angereichert um ein bisschen Kommissar-Rex-Folklore. Immer tiefer vergrub man sich so in ein von Deix-Figuren bevölkertes Klischee-Österreich, das mit der wirklichen Gesellschaft längst nichts mehr zu tun hat.

Seltsam, dass der ORF jahrelang amerikanische Serien programmierte, ohne diesen blinden Fleck zu bemerken. Anhand jeder x-beliebigen Krankenhausserie hätte der Unterschied auffallen müssen: In den dortigen Notaufnahmen wimmelt es von Ärzten und Chefärztinnen aller Hautfarben; auch den schwarzen Präsidenten gab es im Fernsehen, lange bevor es ihn in Wirklichkeit gab. (Und, wer weiß, vielleicht gibt es ihn in Wirklichkeit nur, weil es sich im Fernsehen bereits seinen Weg in den Möglichkeitssinn der Menschen gebahnt hatte.)

Aber geben wir hierzulande die Hoffnung nicht auf. Nach vierzig Jahren Einwanderung sind die österreichischen Migranten, in Gestalt von Leyla, Salem und Jamal jetzt immerhin zu pubertierenden, kleinkriminellen Teenagern herangewachsen. Wenn der ORF all seinen Mut zusammennimmt und wir ihm gleichzeitig ganz fest die Daumen drücken – dann wird es bloß weitere vierzig Jahre dauern, bis Leyla und Jamal ihre ersten Jobs im Krimi oder in der Notaufnahme antreten. Und, sogar in Österreich, zu respektierten, vollwertigen Bürgern heranwachsen.

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