Wer ist schuld, wenn irgendwas schiefläuft? Die Mutter. Oder irgendeine andere Frau.

Sibylle Hamann

Kolumnistenkollege Christian Ortner ist wahrscheinlich ein smarter, cooler Hund. Nur wenn er auf den Zustand der österreichischen Politik blickt, gehen die Gefühle mit ihm durch. Die große Koalition hält er in der Variante „Faymannpröll“ für eine ebensogroße Katastrophe wie in der Variante „Pröllfaymann“, und in dieser Analyse werden ihm viele Bürger und Bürgerinnen zustimmen. Noch schrecklicher schiene ihm bloß die Vorstellung, das rotblaue Duo Voves/Strache käme ans Ruder, und auch bei dieser Angst kann man ihm emotional noch folgen.

Schräg wird es allerdings, wenn sich Ortner, wie hier am vergangenen Freitag, auf die Suche nach den Verantwortlichen für diese „Katastrophe“ macht. Überlegen wir einmal gemeinsam: Die großkoalitionären Regierenden kämen naheliegenderweise in Frage, Pröll oder Faymann? Die genannten Herren Voves, Strache? Oder andere Mächtige der Republik, Neugebauer, Häupl, Pröll senior, Dichand oder Konrad gar? Aber nein, Überraschung: Am großkoalitionären Elend Österreichs sind die Grünen schuld!

Äh… warum die Grünen? Na, weil die von einer Frau geführt werden! Weil Eva Glawischnig, deren primäre Qualifikation in ihren primären Geschlechtsmerkmalen bestehe, töricht und inkompetent sei, könne sie uns nicht von der Torheit und Inkompetenz aller anderen erlösen. Damit sei die „Unfähigkeit des Feminats“ bewiesen, meint Ortner. Aber alle anderen haben doch ebenfalls primäre Geschlechtsmerkmale, möchte man zaghaft einwenden, beweist das jetzt die Unfähigkeit des Patriarchats? Nein. Primäre Geschlechtsmerkmale tun, wenn sie an einem Mann hängen, nichts zur Sache.

Man könnte eine derart eigenwillige Logik cool weglächeln. Man könnte sie psychologisch deuten – als Sehnsucht nach einer allmächtigen Frau (der Mutter?), die dafür zuständig ist, für jedes Problem im Leben eine Lösung zu finden. Diese Traumfrau nimmt großherzig stets alle Schuld auf sich, bügelt die Fehler anderer aus, und wenn ihr das einmal nicht gelingt, darf man sie wütend und enttäuscht anbrüllen. Zumindest, solange man klein ist und in der Sandkiste sitzt.

Von erwachsenen Männern angewandt, muss man diese eigenwillige Logik aber wohl ungnädiger interpretieren – als billigen Herrschaftsschmäh. Der geht so: Man entlässt die Mächtigen aus der Verantwortung und überhäuft gleichzeitig jene, die die Machtverhältnisse ändern wollen, mit überzogenen Ansprüchen, an denen sie nur scheitern können.

Was Politikerinnen betrifft, funktioniert dieser Schmäh seit Jahrzehnten verlässlich. Ein Mann, der scheitert, hat nie ein Geschlecht. Eine Frau hingegen scheitert stets als Frau, und als Messlatte für ihr Scheitern reicht schon aus, dass sie ganze Heerscharen unfähiger Männer nicht vom Scheitern abgehalten hat.

Als Dank für diese Unterstützung hat sich Christian Ortner noch viele, viele Jahre „Faymannpröll“ redlich verdient.

 

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