Wer bin ich? Was will ich? Wer darauf keine Antwort weiß, möge der Politik bitte fernbleiben.

Sibylle Hamann

Stellen wir uns vor, wir wären an der Volkshochschule, im Kurs „Politik für Anfänger“, und diese EU-Wahl wäre eine Art Abschlusstest gewesen. Die Darsteller hängen nach ihrem Rollenspiel müde in den Stühlen. Der eine hat eine rote Brille auf der Nase, damit man ihm die SPÖ ansieht, zwei andere haben sich Schmisse ins Gesicht gemalt, damit man in ihnen die rechten Recken erkennt (was dem Publikum nicht geholfen hat, sie unterscheiden zu könnnen). Für die männlichen Teilnehmer gabs jede Menge Rollen zum Aussuchen, die weiblichen mussten sich um eine einzige Rolle balgen und kriegten dabei noch geschimpft, sie hätten sich jetzt echt zu viel herausgenommen; aber das ist ja immer so.

Jetzt also ist Feedback-Runde, man schaut gemeinsam die Videos, und alle beschleicht das flaue Gefühl, es sei nicht so toll gelaufen.

Richtig, seufzt die Kursleiterin, nennen wir sie Heidi. Erinnert ihr euch denn gar nicht mehr an unsere allererste Lektion: Du musst wissen, was du willst? Wer das nicht weiß, kann alles andere vergessen, da könnt ihr noch so viel drumherum reden, das wird nix mehr.

Beobachtet euch doch, auf dem Bildschirm, auf euren Plakaten: In jeder Sekunde sieht man euch an, dass ihr gar nicht sein wollt, wo ihr seid. Dass ihr euch permanent verstellt. Der Intellektuelle tut so, als sei er ein Actionheld; der Nazi tut so, als sei er ein Christ; keiner mag Brüssel, aber jeder will hin – was soll denn das? Bei Heidi Klum wärt ihr längst draußen mit sowas, Authentizität heißt das Zauberwort, da könnt ihr sogar von schlaksigen Models noch was lernen!

Schaut euch den Hans-Peter und den Otmar an, die haben das noch relativ am besten hingekriegt: Kein Mensch findet die sympathisch, niemand würde mit denen freiwillig einen Spritzer trinken, aber die haben eine Geschichte zu erzählen, die sind sie selber, und das spürt man.

Otmar und Hans-Peter rutschen an ihren Sessellehnen ein Stückchen nach oben. Aber Heidis Stimme ist schrill geworden. Lektionen zwei bis fünf, Halt dein Publikum nicht für dumm, Umgib dich nicht mit Kleingeistern, Hör nicht auf die Funktionäre und Hab keine Angst: Habt ihr da kollektiv gefehlt, oder was? Und überhaupt: Wie seid ihr bloß alle auf die gleiche blöde Idee gekommen, ständig von den „Menschen dort draußen“ zu faseln, so als wärt ihr eine artfremde Spezies?

„Wir hatten halt ein Vermittlungsproblem“, mault es aus den Sesselreihen zurück, „die Medien sind schuld, wir müssen uns besser verkaufen…“

Es gibt in der Politik kein Vermittlungsproblem, hätte Heidi eventuell noch gesagt, wenn du nicht verstanden wirst, dann hast dus falsch gesagt, aber da fällt ihr bloß noch ein Vers aus einem Kinderbuch ein. Wer nicht weiß, wie er heißt, wer vergisst, wer er ist, der ist dumm. Bumm.

Im nächsten „Politik für Anfänger“-Kurs wird sie Das Kleine Ich-bin-Ich an den Anfang stellen.

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