Politischen Häftlingen zu helfen, ist nicht „mildtätig“. Weil selbst Schuld ist, wer aufbegehrt?

Jetzt ist sie also online, die Liste der mildtätigen Organisationen. Die Liste, die darüber entscheidet, ob Bürger ihre Spende von der Steuer absetzen können. Mildtätig oder nicht? Die Beamten im Finanzministerium werden viel Mühe drauf verwendet haben, die semantischen Tiefen dieses Begriffs auszuloten, und nachzuspüren, was der Gesetzgeber damit gemeint haben könnte. Das päpstliche Missionswerk – Daumen rauf. Die Ronald McDonald Kinderhilfe – Daumen rauf. Amnesty International – Daumen runter. (Wobei man den Ausdruck „Daumen runter“, der das Schicksal der Gladiatoren im alten Rom besiegelte, nicht leichtfertig verwenden sollte, gerade wenn es um die Arbeit von Amnesty International geht, also um wirkliche, gegenwärtige Todesurteile in den Diktaturen dieser Welt.)

Nein, sagt jedenfalls das österreichische Ministerium, es sei nicht „mildtätig“, politischen Gefangenen oder Folteropfern zu helfen. Was die Frage provoziert: Na, was denn dann?

Eigentlich hätte schon die seltsame Wortwahl stutzig machen müssen. Wer „mildtätig“ sagt, hat das Bild eines gütigen Fürsten im Kopf, der Brotkanten an seine hungernden Untertanen verteilt, während ihm Tränen der Rührung in die Augen steigen. „Milde“ ist eine Eigenschaft, die man Herrschern zuschreibt, bei „Mildtätigkeit“ schwingt stets ein Machtgefälle mit. Der Reiche ist barmherzig und gibt, der Arme ist demütig und empfängt. Der Reiche gewinnt durch seine Gaben an moralischer Größe und Statur. Der Arme hingegen hat keine Geschichte, kein Gesicht. Er soll nicht reden, schon gar nicht über die Ursachen seines Elends, er soll bloß nehmen und dankbar sein.

Womit wir beim zweiten Subtext wären, der im Begriff „Mildtätigkeit“ mitschwingt: Opfer müssen, um sich der milden Gaben würdig zu erweisen, stets „unschuldig“ sein. Soll heißen: Sie dürfen zu ihrer misslichen Lage nicht selbst beigetragen haben.

Was uns, Amnesty International betreffend, auf eine verräterische Spur führt. Denn Menschen, die heute in Umerziehungslagern oder Folterkellern sitzen, haben zu ihrer misslichen Lage tatsächlich sehr oft selbst beigetragen. Sie haben gegen ein diktatorisches Regime aufbegehrt. Sie haben sich der Polizeiwillkür entgegengestellt. Sie sind für Meinungsfreiheit und Demokratie auf die Straße gegangen, wie soeben im Iran. Sie sind mit kleinen, alltäglichen Widerstandsakten hohe Risiken eingegangen. Und nicht immer, aber oft, entsprangen diese Akte einer mutigen, bewussten, persönlichen Entscheidung.

„Hat ihnen ja keiner ang’schafft“, würde man in Österreich dazu sagen. „Wären sie halt brav geblieben, dann säßen sie jetzt nicht im Gefängnis, und wir, die Mildtätigen, müssten ihnen jetzt nicht helfen.“

Bei solchen Sätzen kann einem das Frösteln kommen. Es ist genau derselbe kalte Hauch, der uns aus der Mildtätigen-Liste des österreichischen Finanzministeriums entgegenweht.

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