In Ungarn finden rassistische Pogrome statt. Keiner stellt sich dagegen.

Sibylle Hamann

Sie kamen meistens in der Nacht. Warfen Fackeln oder Sprengsätze, warteten, bis die Hütte brannte und bis die Bewohner und Bewohnerinnen in Panik herausrannten. Dann schossen sie auf alles, was sie bewegte. Sie waren maskiert, meistens blieben sie unerkannt, aber sie hinterließen ihre Markierungen. Und sie konnten sicher sein: Alle ihre potentiellen Opfer, alle Schwarzen, die es diesmal nicht erwischt hatte, würden ab sofort schlottern vor Angst. Sie würden nachts nicht mehr ruhig schlafen können und bei jedem Geräusch hochschrecken. Tagsüber würden sie den Kopf zwischen die Schultern ziehen und sich wünschen, sie wären unsichtbar.

So war das in den Sechtzigerjahren in den amerikanischen Südstaaten, wenn der Klu-Klux-Klan kam. „Ku Klux“, heißt es im Online-Lexikon Wikipedia, ist dem Geräusch nachempfunden, wenn der Hahn eines Gewehrs gespannt wird.

Sie kommen in der Nacht, werfen Molotow-Cocktails durchs Wohnzimmerfenster, warten, bis die Hütte brennt, dann schießen sie auf alles, was herausrennt, Männer, Frauen, Kinder, egal. So machen das auch die Neonazis in Ungarn. 55 Verletzte und sieben Todesopfer gab es im letzten Jahr. Alle Angehörige der Roma-Minderheit, die es noch nicht erwischt hat, schlottern seither vor Angst. Können nicht mehr ruhig schlafen, fliehen bei jedem verdächtigen Geräusch in den Wald. „Rassistisch motivierte Pogrome“ nennt man das, und genau so etwas geschieht derzeit in unserem Nachbarland, mitten in der EU.

Systematische, feige Attentate sind schlimm. Noch schlimmer wird die Sache, wenn diese Attentate in einem gesellschaftlichen Umfeld passieren, das Gewalt deckt, gutheißt oder klammheimliche Freude darüber empfindet. Vollends unterträglich wird es, wenn sogar die Behörden Teil dieses Umfelds sind. Der berühmte Film „Mississippi Burning“ lässt ahnen, wie das gewesen sein muss, 1964 in den Südstaaten: Ein Lynchmord ist geschehen, das Flammenkreuz brennt, aber die Nachbarn haben nichts gesehen. Der Bürgermeister sympathisiert mit den Attentätern, der Sheriff ist ein Rassist, die Richter sind bestochen. Niemand, niemand ist da, der sich schützend vor die Opfer stellen könnte.

Auch in Ungarn sprach die Polizei wochenlang von „Mafia-Konflikten“, statt die richtigen Täter zu suchen. Die Zeitungen schreiben über „Familienfehden“ und über die angeblich steigende Roma-Kriminalität, viele Nachbarn empfinden unverhohlene Befriedigung, wenn die Roma neuerdings ängstlich den Kopf zwischen die Schultern ziehen und sich verstecken. Da ist niemand, der sich schützend vor die Opfer stellt, nicht im konkreten und nicht im übertragenen Sinn des Wortes.

Das FBI, das 1964 in Mississippi noch scheiterte, hat der ungarischen Polizei heute bei der Fahndung geholfen. Vier Tatverdächtige hat man endlich gefasst. Mit allem anderen bleiben die Roma derweil allein.

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