Bildung ist eine Klassenfrage. Nicht nur während der Schulzeit, sondern erst recht in den Ferien.

Ein Kommentar

Neun Wochen Ferien sind vorbei. Es gibt Kinder, die sind neun Wochen lang barfuß über staubige Dorfstraßen gestreunt. Haben Indianer gespielt, Ziegen gemolken, sich tagelang nicht den Hals gewaschen und Sommersprossen gekriegt, irgendwo bei Oma und Opa in Ostanatolien oder im Mühlviertel. Es war die einzige Art der Ferienbetreuung, die nichts gekostet hat, anders wäre es sich mit den Jobs der Eltern nicht ausgegangen.

Es gibt Kinder, die waren neun Wochen lang in ein minutiös durchgetaktetes Förderungs- und Fortbildungsprogramm eingespannt: Erst Fußballcamp, dann Kinderuni, Sprachferien und Schwimmkurs, zwischendurch Ferienspiel und Hort. Da durfte kein Tag dem Zufall überlassen bleiben, anders wäre es sich mit den Jobs der Eltern nicht ausgegangen.

Und dann gibt es Kinder, die sind bei Schulbeginn blass wie im März. Denen flimmern die Augen, denn sie haben neun Wochen lang Nintendo gespielt, zwischendurch gabs Fertigpizza, und wenn es gar zu fad wurde, drehte man den Fernseher auf, damit eine Ruh ist. Diese Art Feriengestaltung hat manchmal mit den Jobs der Eltern zu tun, allerdings nicht immer.

Der Sommer ist jene Zeit, in denen Kinder ihren Eltern voll und ganz ausgeliefert sind. Sie sind abhängig von deren Ambitionen, Launen und wirtschaftlichen Möglichkeiten, von deren Gesundheit, Zeit und sozialem Netzwerk. Die Unterschiede schlagen sich messbar nieder, wenn alle am ersten Schultag wieder in die Klasse kommen. Kinder aus bildungsnahen Schichten lesen im September deutlich besser als noch im Juni. Kinder aus bildungsfernen Schichten hingegen lesen schlechter als vorher.

Dies ist eines der bemerkenswerten Ergebnisse einer Studie aus Baltimore, die der amerikanische Bestseller-Autor Malcom Gladwell in seinem neuen Buch „Outliers. The Story of Success“ schildert. „Das Problem ist nicht die Schule, sondern die Zeit ohne Schule“, folgert er. Ein zweites seiner Forschungsresultate: Es gibt es nur einen einzigen entscheidenden Faktor, der bei ähnlich intelligenten Kindern über den Schulerfolg entscheidet – und das sind die Eltern.

Von denen gebe es, so Gladwell, im wesentlichen bloß zwei Sorten: Jene, die sich um die Schule kümmern; und jene, die aus Unsicherheit, Unwissenheit oder Angst vor der Autorität dazu nicht in der Lage sind. Erstere sind fast immer wohlhabend, zweitere fast immer arm.

So simpel ist das in Baltimore.

Wer meint, es wäre bei uns ganz anders, täuscht sich. Dass Bildung in Österreich stärker erblich ist als anderswo, ist bekannt. Aber so erbittert hier seit Jahrzenten darüber gestritten wird, was IN der Schule passiert – über Organisationsfragen, Lehrpläne und didaktische Methoden – so selten denken wir über die gesellschaftlichen Interessen nach, die von AUSSEN auf die Schule wirken.

Wie ist zum Beispiel die trotzige Verteidigung der Halbtagsschule zu erklären; die beharrliche Konsequenz, mit der Kinder täglich vor dem Mittagessen mit knurrendem Magen auf die Straße geschickt werden? Wie kommt es, dass die Elternvertreter, trotz des jährlich wiederkehrenden Betreuungsproblems, nie vehement eine Verkürzung der Sommerferien fordern? Und woher kommt der stoische Gleichmut, mit dem, Monat für Monat, der private Nachhilfemarkt gefüttert wird?

Gladwell liefert uns hier einen entscheidenden Hinweis. Denn bewusst oder unbewusst ahnen Oberschicht-Eltern wohl, dass sich die Wettbewerbschancen ihrer Kinder verbessern, je weniger Zeit ALLE Kinder in der Schule verbringen. Wer weiß, dass er nachmittags notfalls Extras bezahlen kann, wird nicht wollen, dass Nachhilfe (wie in Finnland) für ALLE kostenlos verfügbar ist.

Auch Familienideologien kommen hier ins Spiel. Denn dass gut ausgebildete Frauen dem Arbeitsmarkt fernbleiben, um Hausaufgaben zu beaufsichtigen, Vokabel zu üben und Kinder in die Gitarrenstunde zu fahren, macht nur Sinn, wenn sich damit ein Vorteil erzeugen lässt. Plakativ formuliert: Je weniger Bildungslücken die Schule ließe, desto schneller verlöre die Hausfrau ihre Existenzberechtigung.

Für die eigenen Kinder das Beste zu wollen, ist nicht verwerflich. Es ist das Normalste auf der Welt. Dennoch haben wir hier einen klassischen Fall, wo der individuelle Nutzen dem gesellschaftlichen Gesamtnutzen widerspricht: Individuell gesehen, will ich meinem Kind einen Platz an der Sonne sichern, auch wenn ich ahne, dass es nicht zu den hellsten gehört. Kollektiv gesehen, ginge es jedoch darum, in jeder Generation die Hellsten zu finden und ihr Potential so gut wie möglich auszuschöpfen – egal aus welchem Milieu sie kommen.

Was uns, nach neuneinhalb Wochen, zur entscheidenden Frage führt: Wer soll, wer kann diese Regeln ändern, die nicht nur ungerecht sind, sondern auch ineffizient? Von den Eliten kann man sich da nicht viel erwarten. Noch schwerer tut sich womöglich die klassische kleinbürgerliche und proletarische SPÖ-Klientel, die den Aufstieg eben erst geschafft hat und ihn nach unten absichern will. Neue Konkurrenz aus noch bildungsferneren Schichten kann man da nicht brauchen.

Als Hoffnungsträgerin bleibt paradoxerweise die Wirtschaft. Denn die hat ein genuines Interesse an gut gebildeten Arbeitskräften, egal aus welchem Milieu, und je mehr davon die Schule hervorbringt, desto besser. Nicht zufällig steht etwa die Industriellenvereinigung in schul- und familienpolitischen Fragen eher auf der fortschrittlichen Seite, bei der Ganztags- und Gesamtschule ebenso wie bei der Frühforderung im Kindergarten.

Am wenigsten Veränderungsdruck können wir von jenen erwarten, die davon am meisten profitieren würden. Den die stellen grad einen neuen Nintendo-Rekord auf, und ihre Eltern sind stumm.

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