Nura, Jawid sind Alem sind ganz normale Jugendliche. Sie sind Hauptdarsteller im Film „Little Alien“. Und Flüchtlinge sind sie auch.

Reportage: Sibylle Hamann

Jetzt wird sie auf die Bühne geholt, das Herz pocht ihr bis zum Hals, sie bringt kein Wort heraus. Hinter ihr die riesige Leinwand des Gartenbau-Kinos, vor ihr ein gesteckt voller Saal. Sie blinzelt in die grellen Scheinwerfer, dahinter hunderte neugierige Augen, in manchen stehen nach dem Film, den sie eben gesehen haben, ein paar Tränen.

Und jetzt wollen sie alle Nura sehen, eine der Hauptdarstellerinnen. Die „echte“ Nura. Applaus.

Die echte Nura trägt heute, am Premierenabend, ein wallendes Abendkleid mit spektakulär tiefem Ausschnitt. Die Film-Nura trug noch ein Kopftuch. Vor zwei Wochen hat sie es abgelegt und sich die Haare schneiden lassen, einen Bob hat sie jetzt, mit Glitzerstaub drauf. „Anfangs, als wir mit dem Drehen begonnen haben, habe ich immer den Kopf eingezogen“, erzählt Nura später, abseits der Scheinwerfer. „Aber dann hat sich mein Herz geöffnet.“

Nura ist siebzehn. Sie trägt eine weiße Plastikkarte bei sich, die sie als Asylwerberin ausweist. Sie kam aus Somalia, allein, deswegen gilt sie als „unbegleiteter minderjähriger Flüchtling“ und steht unter besonderem Schutz der Behörden.

Nura hat eine Schussverletzung, man kann die Narbe auf der Kopfhaut spüren, wenn man mit dem Finger drüberfährt. Gegen das Kopfweh nimmt die täglich Tabletten. Über ihren Asylanstrag wurde noch nicht entschieden. Sie wohnt in einer betreuten Wohngemeinschaft. Sie hat einen österreichischen Freund, Paul heißt er, abends schauen sie im Fernsehen immer „Anna und die Liebe“.

Nura hat sich an das Wetter gewöhnt („ich hab Schnee vorher im Fernsehen gesehen, aber ich konnte mir nicht vorstellen, wie kalt das ist“) und an die Hunde überall („in Somalia sind Hunde gefährlich, die verjagt man mit Steinen.“) Sie hat in Österreich lesen und schreiben gelernt („die ersten sechs Monate habe ich nur jaja gesagt“), inzwischen kann sie auf deutsch Interviews führen. Nura würde gern Schauspielerin werden oder Sekretärin. Aber sie weiß nicht, wie sie das anstellen soll.

Sie hat nämlich gelernt, dass es in Österreich Regeln gibt, an die man sich halten muss. „Man vereinbart Termine, man kommt pünktlich. Man muss auf die Uhr schauen, zum Bus laufen, und immer drauf achten, was man macht, was man sagt, und ob das zusammenpasst.“ Bloß: Die Regeln, nach denen entschieden wird, ob sie hier bleiben darf oder nicht – die hat ihr noch niemand erklären können.

„Du wachst auf, du denkst nach, das Denken dreht sich im Kreis, immer im Kreis, und irgendwann wirst du verrückt“: So beschreibt Jawid den seltsamen Warteraum der Flüchtlinge. „Man redet immer dasselbe, über Papiere, Visum, Asyl, Paragraphen, es ist echt langweilig“: So beschreibt es Alem.

Die beiden sind Afghanen, Angehörige der Hazara-Minderheit. In „Little Alien“ sind sie unzertrennliche Freunde. Doch hat ihnen die Warterei auf ihren Bescheid auf sehr unterschiedliche Art zugesetzt.

Jawid wirkt in Wirklichkeit noch kleiner als im Film. Irgendetwas scheint ihn zerdrückt, zerknittert zu haben. „Ich lebe nicht“, sagt er, nach mittlerweile drei Jahren Ungewissheit. „Ich habe meine Kraft verloren.“ Nur drei Fixpunkte gibt es in Jawids Alltag: Den Donaupark, wo er Fußball spielt, als Außenverteidiger. Den täglichen Gang zur Post, um zu schauen, ob ein Brief da ist, der sagt, wie sein Leben weitergeht. Und den Snookertisch, mit kurzen, erlösenden Momenten, in denen Jawid alles vergessen kann.

Alem ist der großgewachsene, coole Typ mit den langen Haaren, der in fast jeder Lebenslage einen Spruch auf Lager hat. Er ist wortgewandt und anpassungsfähig, studiert mittlerweile Informatik an der Technischen Universität, wohnt im Studentenheim und schenkt Besuchern ein Glas Wein ein. „Ich muss versuchen, fröhlich zu sein“, sagt er, aber sehr lustig klingt es nicht.

Das schlimmste, sagt er, sei, dass man sich abgewöhnen müsse, Pläne zu machen. „Du schaust dich kaum um in der Stadt, weil du morgen vielleicht nicht mehr hier bist. Du zögerst, Menschen kennenzulernen, weil du Angst hast, sie morgen verlassen zu müssen.“ Alem sagt, er würde sofort anfangen, finnisch oder sonstwas zu lernen, wenn er wüsste, dass es ihn seinem Ziel näherbringt. „Aber Ziele sind verboten. Das ist schwer auszuhalten, wenn man jung ist.“

Der Film „Little Alien“ geht derzeit auf Tour durch Österreichs Schulen. Einige der Darsteller werden mitfahren, denn „Little Alien“ ist der Anker geworden, der ihrem Leben fehlt. Es ist seltsam: Ein Film über das Nicht-Ankommen hat sie an Österreich andocken lassen; ein Film über Fremdheit hat sie mit den Einheimischen ins Gespräch gebracht.

Nura, Jawid, Alem und die anderen werden sich also von Jugendlichen ausfragen lassen. Sie werden über Afghanistan und Somalia erzählen. Wie es ist, wenn man nachts im Schlauchboot auf dem offenen Meer schaukelt. Wie man sich unterm Fahrgestell eines LKWs festklammert, wie sich Kälte anfühlt, Hitze und Hunger.

Am schwersten wird es sein, den Schrecken der Ungewissheit zu beschreiben, in einem wohltemperierten Warteraum.

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