Österreich fühlt sich gern als Musterland. Nicht nur, aber auch, was die Genderfrage betrifft.

Ein Text für die Frauen-Kunstausstellung im MUMOK

Tatsächlich kann niemand behaupten, es hätte sich hier in den vergangenen dreißig Jahren nichts getan: Die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau steht in der Verfassung. Das Gewaltschutzgesetz gehört zu den modernsten weltweit. Es gibt Leitfäden für gendergerechte Sprache im Schriftverkehr der Behörden, Frauenparkplätze in den Garagen, universitäre Lehrstühle für Frauenforschung. Die Banken bieten auf Frauen zugeschnittene Börsenportfolios an. Seit der letzten Regierungsbildung gibt es sogar wieder ein eigenes Frauenministerium.

All das verleitet manchmal dazu, die Gleichberechtigung der Geschlechter für umgesetzt zu halten, in groben Zügen zumindest. Umso schärfer ist der Kontrast, wenn diese wohlige Vermutung auf die raue Wirklichkeit trifft.

Betrachtet man die nackten Zahlen, kann vom Musterland Österreich nämlich keine Rede mehr sein. Die Einkommensschere zwischen Männern und Frauen ist in Österreich signifikant größer als im europäischen Durchschnitt – und sie schließt sich nicht etwa, sondern hat sich in den vergangenen Jahren weiter geöffnet. Bei Frauen in Führungspositionen liegt Österreich, mit acht Prozent, weit abgeschlagen hinter so unterschiedlichen Ländern wie den Philippinen, Ungarn, den USA oder Frankreich. Auch in der Politik bewegt man sich eher rückwärts als vorwärts: Der Frauenanteil unter den Abgeordneten im Parlament sank seit der letzten Nationalratswahl von 33,9 auf 27,9 Prozent.

Das vernichtstendste Urteil über die österreichische Genderpolitik spricht das aktuelle Ranking des UN-Entwicklungsprogramms UNDP. Da kommt Österreich mit seiner hohen Lebensqualität auf den weltweit 14. Platz. Sobald Geschlechtergerechtigkeit in die Bewertung der Lebensqualität einbezogen wird, rutscht Österreich jedoch auf den 23. Platz ab – so weit wie kein anderes Land.

Wie ist dieser Kontrast möglich?

Es muss damit zu tun haben, dass der österreichische Genderdiskurs in den vergangenen Jahrzehnten ein sehr einseitiger war. Anders als in Skandinavien, wo die Reflexion von Rollenzuschreibungen und Diskriminierungen stets auf beide Geschlechter zielte, blieb sie hierzulande stets ein reines Frauenthema.

Der Effekt ist in Jugendstudien messbar: Die Ansprüche, die junge Frauen ans Leben stellen, sind deutlich gestiegen. Sie halten gleiche Bildung, gleiche Mitspracherechte und gleiche Aufstiegsschancen für selbstverständlich, ebenso wie eine gleichberechtigte Partnerschaft. Und sie halten die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für eines der wichtigsten Leitmotive im Leben.

Sehr wenig verändert hat sich hingegen auf Seite der Männer. Die traditionellen Rollenmuster sind bei ihnen kaum erschüttert; insbesondere die Vorstellung, ein Mann müsse „seine Familie ernähren“. Die Frage, wie sich Beruf und Kinder miteinander vereinbaren lassen, ist für Männer noch kaum auf dem Radar – weder in der Politik, noch in den Unternehmen, noch im Privatleben.

Diese gespaltene Wahrnehmung spiegelt sich in einer gespaltenen ökonomischen Wirklichkeit. In Österreich klafft der Arbeitsmarkt stärker auseinander als in den meisten anderen reichen Ländern: Die einen arbeiten extrem viel, die anderen extrem wenig. Sowohl bei den Überstunden als auch bei der Zahl der geringfügig Beschäftigten liegt Österreich an der europäischen Spitze. Wobei Teilzeitarbeit beinahe ausschließlich Frauensache ist – was ihre Rolle als „Zuverdienerin“ am Rand der Berufswelt zementiert.

Spiegelverkehrt dazu sind Männer, was die Familien betrifft, Randfiguren geblieben. So viel auch über die „neuen Väter“ geschrieben wird, so selten existieren sie in Fleisch und Blut. Der männliche Anteil an KindergeldbezieherInnen und Alleinerziehenden liegt stabil bei fünf Prozent.

Die Voraussetzungen für die Gleichberechtigung der Geschlechter wären in Österreich also eigentlich da. In der Schule haben Mädchen mit Burschen gleichgezogen, seit einigen Jahren gibt es sogar mehr weibliche als männliche UnversitätsabsolventInnen. Was jedoch ausbleibt, ist der zweite Teil der Gleichberechtigung – nämlich jener, der Männer gleichermaßen für Reproduktionsaufgaben verantwortlich macht; in der Pädagogik, in der Kindererziehung und Altenpflege, in der sozialen Fürsorge oder bei der Organisation des Alltags.

Erst langsam wächst das Bewusstsein dafür, dass diese Schieflage ineffizient und bisweilen sogar schädlich ist. Indem in der Politik und Wirtschaft qualifizierte Frauen an den Rand gedrängt werden, verschwendet das Land enorme Ressourcen. Andererseits fehlen in den Familien, in den Kindergärten und in den Schulen die männlichen Role Models. Wenn wieder einmal von der „Bubenkrise“ im Bildungssystem die Rede ist, oder von den Integrationsproblemen männlicher Jugendlicher mit Migrationshintergrund, öffnet sich kurz der Blick auf diese Leerstellen.

Interessanterweise geht der stärkere Veränderungsdruck auf die Gender-Verhältnisse heute weniger von der Linken aus, als vielmehr von der Wirtschaft. Über internationale Unternehmen ist der amerikanische Managementgrundsatz der „Diversity“ nach Europa vorgedrungen, samt der Erkenntnis, dass Vielfalt auf allen Entscheidungsebenen die Qualität der Entscheidungen hebt.

Im Windschatten der „Diversity“ segelt die oft verteufelte Quote – als brachiales, aber wirksames Instrument, um homogene, veränderungsresistente Strukturen aufzubrechen.

Mal sehen, ob die Krise – samit der Legitimationskrise der Eliten – helfen wird, den Boden für mehr Diversität zu ebnen.

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