Macht, Ohnmacht – und wie leicht man die in Österreich verwechseln kann

Sibylle Hamann

Stellen wir uns vor, ein vietnamesischer Politologe oder eine Medienwissenschaftlerin aus Burundi kämen nach Österreich, um eine Studie über den hiesigen Ausländerdiskurs zu verfassen. Erst würden sie sich ins Kaffeehaus setzen und Zeitungen lesen. Dann auf dem Viktor-Adler-Markt den Menschen zuhören. Sie würden die Reden von Politikern analysieren, die Berichterstattung im Fernsehen, und bei Meinungsführern nachfragen.

Bei diesen Recherchen würden sie auf folgende These stoßen: In Österreich herrsche Gesinnungsdiktatur. Der politische Diskurs werde von einer Gruppe beherrscht, die man „Gutmenschen“ nennt. Diese seien weltfremd und naiv, gerissen und gefährlich, und verfolgen ein Ziel, das „Multikulti“ heißt. Um es zu erreichen, setzen sie auf sozialromantische Manipulation und dreiste Lügen, sie sagen „politische Korrektheit“ dazu. Wer den Korrektheitscode verletze, werde mit gesellschaftlicher Ächtung bestraft und ausgegrenzt. So mächtig seien sie, die Gutmenschen.

Die Forscher notieren die These. Ihnen fällt auf: Dass es in Österreich offenbar dennoch viele Dissidenten gibt. „Man wird doch noch die Wahrheit sagen dürfen!“ rufen diese Oppositionellen keck, trotzig, und bieten der Gesinnungsdiktatur tapfer die Stirn. „Keine Denkverbote! Keine Tabus! Wir müssen es endlich aussprechen dürfen: Nicht alle Ausländer sind gut! Ausländer können auch integrationsunwillig, kriminell, schmutzig oder sonstwie bösartig sein!“

Oh, denken da die fremden Forscher – die österreichischen Dissidenten trauen sich was! Riskieren Kopf und Kragen. Wenn das allmächtige Gutmenschenimperium solch provokante Sätze hört, schlägt es sicher mit aller Gewalt zurück, und die Dissidenten sind allesamt ihre Jobs los! Spannung baut sich auf. Bang lauern die Forscher, was passieren wird. Aber der Gegenschlag kommt und kommt nicht.

Im Gegenteil: Die angeblich dissidenten Stimmen dröhnen mittlerweile von allen Seiten. So laut, dass man gar nichts anderes mehr hört. „Kriminalität! Problem! Gefahr! Missbrauch! Wir müssen uns wehren!“ rufen Menschen, die in Österreich ohnehin das Sagen haben; Ministerinnen ebenso wie Bürgermeister; Leitartikler in der Boulevardpresse ebenso wie in Qualitätsmedien. Ähnlich schallt der Chor aus fast allen Parteien, von den Stammtischen, den Leserbriefseiten und aus den Online-Foren. „Problem! Gefahr! Abwehr!“ ist sogar schon offizielle Regierungspolitik.

Die Forscher sind verwirrt. Bis sie endlich kapieren: Sie sind einer falschen Anfangsthese aufgesessen. Die Gutmenschendiktatur ist womöglich pure Phantasie. Die ach so mutigen Dissidenten gefallen sich zwar in dieser Rolle, aber womöglich sind sie gar keine. Sie haben eh die ganze Macht im Land.

Womit nur zwei Fragen bleiben: Wen wollen die eigentlich noch überzeugen, in Österreich? Und warum schreien sie so?

 

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