Nothilfe, die wirkt, ist nicht zwangsläufig jene, die uns am meisten schmeichelt

Sibylle Hamann

6,9 Millionen Euro haben Österreicher bisher für Haiti gespendet. Das ist großartig. Spenden wurzelt im Mitgefühl. Der Schock über die Willkür der Natur mag mitspielen; die Ahnung, dass einem selbst einmal etwas Schreckliches passieren könnte, und der Wunsch, man bliebe dann in der Not nicht allein. Wahrscheinlich ist, wenn man den Erlagschein abstempelt, auch ein bisschen Stolz dabei: Ich habe getan, was ich konnte, denkt man. Ich habe geholfen, vielleicht geht es jemandem jetzt besser, deswegen werde auch ich mich besser fühlen, wenn ich mich am Abend schlafen lege.

Gefühle sind wichtig. Doch nur um Gefühle geht es bei der Nothilfe nicht. Die Ratio besteht ebenfalls auf ihrem Recht: Wer spendet, will, dass das Geld bei jenen ankommt, die es am dringendsten brauchen; dass es nicht sinnlos verpulvert wird, und dass sich niemand bereichert. Spätestens hier gehen zwischen Ratio und Gefühl Risse auf.

Zum Beispiel dieser: Das Gefühl folgt dem Kindchenschema und nährt den Impuls, ein Kind aus der Not „retten“ zu wollen, indem man es adoptiert. So altruistisch sich das anfühlt, so egoistisch ist es; und nichts könnte grausamer sein, als traumatisierten, verwirrten Menschen im Augenblick ihrer größten Verwundbarkeit auch noch die Kinder zu entführen.

Das Gefühl drängt dazu, einem konkreten Menschen helfen zu wollen statt der anonymen Masse. Die Ratio allerdings sagt, dass strukturelle Hilfe stets wirksamer ist als individuelle. Eine Wasserleitung zu reparieren bringt mehr, als einem Einzelnen eine Flasche Wasser zu schicken. Einer Familie ein Haus zu bauen, ist nicht nur sinnlos, solange das Dorf rundum darniederliegt – es sät auch Zwietracht.

Das Gefühl mag kleine, spontane, private Hilfe. Es hasst große Organisationen, Verwaltungskosten und Profis. Verwaltung und Organisation, samt einer weltumspannenden Logistik und gut bestückten Warenlagern, machen jedoch erst möglich, dass Hilfsorganisationen binnen Stunden samt dem richtigen Material und den richtigen Experten vor Ort sind (und wer „spontane“ Privathelfer schon einmal ratlos durch Ruinen stolpern sah, seht sich rasch nach den Profis).

Das Gefühl verlangt ein „ganz spezielles Projekt“, das den Namen der Spender trägt und am besten auf ewig unterscheidbar und sichtbar bleibt. Laut Ratio ist die effizienteste Hilfe jedoch jene, die ganz im Ortsüblichen aufgeht.

Das Gefühl will schon vorher genau wissen, wofür jeder Euro verwendet wird. Wer das Chaos nach einer Katastrophe kennt, begreift: Am allerwertvollsten ist stets jenes Geld, mit dem man genau das kaufen kann, was im Augenblick gerade am dringendsten fehlt.

Das Gefühl spendet immer dann, wenn etwas Großes passiert ist; manchmal, nach 9/11 oder nach dem Tsunami, spendet es sogar zu viel. Die Ratio würde sagen: Spenden wir den Organisationen unseres Vertrauens schon vorher und zwischendurch. Denn irgendwas passiert immer.

 

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