Wen sperren wir als nächstes ein? Werden wir dafür Gründe brauchen?

Sibylle Hamann

Es wird in Österreich Bürger und Bürgerinnen geben, die sich unwohl fühlen, wenn sie Jugendlichen begegnen. Womöglich gibt es auch welche, denen, ganz spontan, der Anblick übergewichtiger Menschen missfällt; und andere, denen Journalisten grundsätzlich suspekt sind. Im Normalfall würde so etwas keine gesellschaftspolitische Rolle spielen. Außer freilich, die Politik entschließt sich, dieses unspezifische Unbehagen zu schüren. Und, ganz systematisch, für ihre eigenen Zwecke auszunützen.

Das ginge ungefähr so: Jugendliche (oder Übergewichtige oder Journalisten), könnte die Politik sagen, seien potentiell gefährlich. Sie belasten unser Sozialsystem, strapazieren die Toleranz ihrer Mitmenschen, und es sei gut möglich, dass sie allesamt Betrüger seien. Nein, konkrete Belege für diesen Verdacht gebe es nicht. Die meisten Jugendlichen (die meisten Übergewichtigen, die meisten Journalisten) hätten ja noch kein Gesetz verletzt. Aber sei es denn nicht irgendwie offensichtlich, dass Jugendliche mit ihren Hormonen kämpfen? Dass Übergewichtige Disziplinprobleme haben? Dass Journalisten nerven? Da könne man doch ziemlich sicher sein, dass sie etwas anstellen würden, sobald sie bloß die Gelegenheit dazu hätten.

Das ungute Gefühl, das Bürger in ihrer Gegenwart befällt, müsse schließlich einen Grund haben. Und die Gefühle der Bürger müsse man ernst nehmen, das sei das oberste politische Gebot.

In einem nächsten Schritt könnte eine solche perfide Politik dann die Wortwahl zuspitzen. Dem vagen Unbehagen eine Richtung geben, das Bedrohungsszenario schärfen, das Feindbild konkretisieren. Als besonders effiziente Methode könnte es sich dabei erweisen, die Worte „Jugend“, „Übergewicht“ oder „Zeitung“ stets mit dem Wort „kriminell“ zu verknüpfen. Und, siehe da: Schon muss man sich nicht mehr mit Schulreform oder Popkultur beschäftigen, mit Ernährung, Diätplänen oder dem Presserecht. Mit einem Handstreich hat man die Jugendlichen, die Übergewichtigen oder die Journalisten der staatlichen Sicherheitspolitik einverleibt, für die es nur noch eine mögliche Zuständige gibt: die Innenministerin. Und nur noch eine mögliche Lösung: Einsperren.

Damit keine Zweifel am militärischen Charakter dieser Operation aufkommen, entwirft man dann Internierungslager nach dem Vorbild von Kasernen, mit Exerzierplatz, Mauern und Wachtürmen. Man platziert diese Lager in möglichst abgelegenen Gebieten, fernab der Zivilisation, verschweigt den Bürgern bis zum letzten Moment, was man vorhat, und verspricht ihnen, wenn sich nichts mehr verheimlichen lässt, massiven Polizeischutz. Wer könnte, angesichts derart komplexer Tarnungs- und Täuschungsmanöver, schließlich noch daran zweifeln, dass nationaler Notstand herrscht?

Wenn Politiker beteuern, sie wollten „die Ängste der Bürger“ ernst nehmen, sollten die Bürger besser auf der Hut sein. Es könnte schlecht ausgehen für sie.

 

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