Wenn Sie gerade an Ihrem Büroschreibtisch sitzen – schauen Sie sich um. Wer sitzt da bei Ihnen im Zimmer? Welche Job Description, welche Qualifikation, welchen Dienstrang hat die Person, mit der Sie die Atemluft, das Kopiergerät und wohl auch einige Bürosorgen teilen?

Solange Sie nicht extrem frustriert sind oder extrem misstrauisch, werden Sie sich über den Lohnzettel dieser Person nicht allzuviele Gedanken machen. Wahrscheinlich gehen Sie stillschweigend davon aus, dass bei der Bezahlung alles mit rechten Dingen zugeht. Dass der Kollege oder die Kollegin, der oder die etwas ähnliches macht wie Sie, auch ähnlich viel dafür bezahlt bekommt.

Aber mit hoher Wahrscheinlichkeit irren Sie sich hier. Sind Sie ein Mann, verdienen Sie, statistisch gesehen, pro Stunde etwa 17 Prozent mehr als die Frau, die Ihnen gleichrangig gegenübersitzt. Sind Sie eine Frau, verdienen Sie etwa 17 Prozent weniger.

Diese Schieflage ist selbstverständlich ein Sklandal. Das Problem ist bloß: Diese Schieflage fällt im Alltag normalerweise niemandem auf. Weil alle Beteiligten sehr subjektive Maßstäbe dafür haben, was sie als „fair“ empfinden.

Frau X, die in der Firma Pipifax 6000 Franken verdient, vergleicht sich im Geiste mit ihren ehemaligen Schulkolleginnen, die Kindergärtnerinnen oder freiberufliche Literaturwissenschaftlerinnen geworden sind, und ist mit ihrem Gehalt sehr zufrieden. Ihr Zimmerkollege Y hingegen denkt an die Computertechniker seines Jahrgangs und fühlt sich erst mit 7000 Franken angemessen bezahlt. Doch erst wenn die beiden ihre Lohnzettel miteinander verglichen, würde ihnen die Diskrepanz auffallen.

Der Chef der Firma Pipifax kennt die Diskrepanz zwar. Doch er hält sie für normal, denn auch er legt subjektive Maßstäbe an. Bei der Einstufung von Herrn Y geht er – bewusst oder unbewusst – davon aus, dass der eine Familie ernähren muss. Bei der Einstufung von Frau Y vermutet er hingegen, dass die eh noch einen Partner hat, der Geld nach Hause bringt.

Jeder einzelne Personalchef beteuert, es sei bei ihm ganz und gar undenkbar, dass eine Frau, nur weil sie eine Frau sei, weniger bezahlt bekomme als ein Mann. Die nationale Einkommenstatistik hingegen beweist: Auf solche Beteuerungen allein können wir uns nicht verlassen, und auf unser persönliches Gerechtigkeitsgefühl ebensowenig.

Wenn wir die Gehaltsschere zwischen den Geschlechtern schließen wollen, brauchen wir daher Transparenz, eine radikale Offenlegung der Gehälter. Objektive, vergleichbare Zahlen müssen auf den Tisch. In jedem Betrieb, in jeder Abteilung. Auch in Ihrer.

Gut möglich, dass Sie sich dann wundern. Gut möglich, dass sich die Wahrheit, der Sie plötzlich ins Gesicht schauen, unangenehm anfühlt. Gut möglich, dass Sie angesichts der Diskrepanzen in Verlegenheit geraten, und Ihr Arbeitgeber in Erklärungsnotstand.

Aber genau das wäre der Sinn der Sache.

 

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