Der Frühling soll den Bürgern gehören, die auf Bürgersteigen gehen. Zu Fuß.

Sibylle Hamann

Die Sonne scheint. Wir strecken die Glieder, blinzeln und gehen zu Fuß. Öfter, weiter, lieber als im Winter. Dumm nur, wie viel uns dabei im Weg steht.

Schaut man sich die öffentliche Raumverteilung nüchtern an, springt das Paradox sofort ins Auge. Wer eine Tonne Gewicht in Form eines Autos herumschieben möchte, bekommt dafür eine zwei Meter breite Bewegungsschneise zugewiesen. Wer dieselbe Tonne bloß abstellen möchte, ebenso. Den schmalen Rest, der übrigbleibt, dürfen sich am Ende alle übrigen Bürger untereinander aufteilen – samt ihrer Buggies, Dreiräder, Rollstühle oder Rollköfferchen.

Das ist ungerecht. Und sagt viel darüber aus, wie Bewegungsfreiheit und Souveränität in unserer Gesellschaft verteilt sind. Nützen wir den Frühling daher für ein Trottoir-Manifest.

1. Mehr Platz! Ein Bürgersteig muss so breit sein, dass zwei Bürger einander auch noch mit aufgespannten Regenschirmen und Zwillingskinderwägen überholen können. Zumindest muss er breiter sein als die Parkspur daneben. Sonst muss diese weg.

2. Ein Recht auf Zwischenräume! Schräg nebeneinander parkende Autos drängen ihre Nasen forsch in fremdes Territorium, bilden undurchdringliche Barrieren und verlangen Fußgängern demütigende Vorbeiquetschmanöver ab. Also weg mit den Schrägparkplätzen! Wer Auto fahren will, soll einparken lernen.

3. Weg mit dem Zeug! Alles, was der Autoverkehr zu seiner Regelung braucht, geht Fußgänger eigentlich nichts an. Verkehrsschilder, Parkuhren, Poller gehören daher runter auf die Fahrbahn. Dasselbe gilt für Fahrräder, samt Radwegen und Rad-Abstellbügeln. Weil Fahrräder Fahrzeuge sind.

4. Rauf mit dem Niveau! Trottoirs und Fahrbahnen sind verschieden hoch. Wo die Wege von Fahrzeug und Fuß einander kreuzen, muss also eines von beiden die Etage wechseln. Warum ist das eigentlich immer der Fuß? Die Bordsteinkante hinunterzusteigen, bedeutet: Man wechselt in Feindesland, wird zum Störfaktor, muss sich anpassen, ausweichen. Es geht auch umgekehrt: Das Trottoir wird als duchgängiges Normalniveau definiert. Das Fahrzeug, das queren will, muss zu uns heraufkommen und aufpassen, dass es uns nicht stört.

5. Ein Recht auf Unaufmerksamkeit! Wer auf einem Gehsteig geht, soll Gedanken nachhängen, in die Luft schauen, sich abrupt bewegen dürfen. Unberechenbarkeit ist das Privileg des Fußgängers. Dass ihm neuerdings permanente Wachsamkeit abverlangt wird, weil er stets damit rechnen muss, dass sich im Erdgeschoß plötzlich eine Garagentür öffnet und ein Auto herausschiebt, ist unzumutbar.

Zu Fuß gehen ist die normalste, demokratischste, gesündeste und sozial verträglichste Art der Fortbewegung. Nur wer zu Fuß geht, kann schlendern, verweilen, jemanden treffen und reden. Zu Fuß gehen erzeugt Öffentlichkeit und Urbanität. Zu Fuß gehen ist eine kulturelle Errungenschaft. Wir sollten sie hoch halten.

 

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