Warum Bettelverbote nicht nur für Bettler, sondern für alle schädlich sind

Sibylle Hamann

Wer einem buddhistischen Bettelmönch begegnet, bedankt sich bei ihm, bevor er ihm eine Münze in die Hand drückt. Ein Almosen zu geben, bringt dem Geber nämlich Glück, und der freut sich, wenn Glück zum Schnäppchenpreis zu haben ist. Wer Moslem ist, darf sich ebenfalls besser fühlen, wenn er eine milde Gabe los wird. Dann hat er nämlich den „Zakat“ geleistet und eine seiner fünf religiösen Pflichten erfüllt – für den Tag zumindest. Hoffentlich ist am nächsten Tag wieder ein Bettler da.

In den österreichischen Fußgängerzonen freut sich allerdings kaum jemand; schon gar nicht über die Männer und Frauen, die dort die Hand aufhalten. „Menschen, die durch ihr verwahrlostes Auftreten erhebliche Verunsicherung auslösen“, sollen, laut Wiener SPÖ, von der Polizei künftig weggewiesen und mit Geldstrafen belegt werden. Das komme, freut sich die Wiener ÖVP, einem Bettelverbot recht nahe und sei daher „ein wichtiger Schritt für mehr Sicherheit“. „Fühlen Sie sich von Bettlern belästigt?“ fragt der KURIER auf seiner Homepage – und 69 Prozent kreuzen folgende Antwort an: „Ja, Bettler gehören nicht in ein modernes Stadtbild.“

Daran ist gleich mehreres interessant. Zunächst, dass die Ankreuzer wahrscheinlich nicht tatsächlich „von Bettlern belästigt“ werden – sondern von deren Anblick (sonst hätte es ja nicht viel mit dem „Stadtbild“ zu tun). Daran schließt die Frage an: Ist es die Existenz der Armen, die uns stört – oder die Tatsache, dass die Armen uns dreist an ihre Existenz erinnern?

Eine Politik, die den Anblick von Armut verbietet, fühlt sich für uns (relativ) Reiche spontan gut an. Logisch, erspart sie uns doch unangenehme Begegnungen und Momente des Zweifels, der Ratlosigkeit, der Scham. Sie erleichert uns. Gleichzeitig jedoch hält sie die Wirklichkeit von uns fern. Und damit belügt sie uns.

Es geht nämlich bei Bettelverboten nicht um die Ordnung in unseren Privatgärten, sondern um den öffentlichen Raum. Der gehört, definitionsgemäß, nicht nur bestimmten Bevölkerungsgruppen, sondern allen. Es mag schon sein, dass manche Menschen „durch ihr verwahrlostes Auftreten erhebliche Verunsicherung auslösen“. Es mag auch sein, dass Punks, Polizisten, Pelzhaubenträgerinnen, Kranke oder SPÖ-Funktionäre durch ihr jeweils spezielles Aufteten Verunsicherung auslösen. In einem demokratischen Gemeinwesen ist die Irritierbarkeit der einen allerdings kein ausreichender Grund, um andere einfach des Platzes zu verweisen. Wie viel „Verwahrlosung“ dürfte denn sein, ehe man den Titel „Bürger“ entzogen bekommt? Und wer bestimmt das?

Sagen wir es so: Wer in Wohlstand lebt, muss es aushalten, von Zeit zu Zeit daran erinnert zu werden, dass andere nicht in Wohlstand leben. Wer etwas hat, muss von Zeit zu Zeit seinen Kriterienkatalog überprüfen, warum er wem etwas davon abgibt und warum wem nicht.

Sagen wir: Ein bisschen Verunsicherung gehört dazu.

 

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