Gaddafi und Karadzic stehlen sich aus ihrer Verantwortung. Mit demselben Trick.

Sibylle Hamann

Der eine steht in Den Haag vor Gericht. Er hat schlohweiße Locken und einen harten Zug um den Mund. Angeklagt zu sein, ist eine einsame Sache, insbesondere wenn man ahnt, dass man tatsächlich etwas falsch gemacht haben könnte.

Dieser Zustand ließe sich leichter ertragen, wüsste man ein paar Millionen Menschen hinter sich. Die könnten die Last eventuell tragen helfen, die Schuld und alles andere. Dann stünde man nicht mehr als Individuum am Pranger, sondern als Teil eines großen Ganzen. Dann wäre man nicht mehr Täter, sondern Vollstrecker einer Weltgeschichte, was ein bisschen zwangsläufiger, schicksalhafter klingt. Dann wäre man nicht mehr so allein.

Deswegen sagt Radovan Karadzic, als Anführer der bosnischen Serben wahrscheinlich verantwortlich für das Massaker von Srebrenica und andere Kriegsverbrechen, jetzt Sätze wie: „Ich bin nicht hier, um mich als sterblicher Mensch zu verteidigen. Ich stehe hier, um ein Volk zu verteidigen, eine kleine Nation, die Jahrhunderte lang gelitten hat. Die Sache meines Volks ist gerecht und heilig.“

Der andere hat ähnlich verwegene Locken, diesmal in schwarz, und ebenfalls einen harten Zug um den Mund. Er steht nicht wegen seiner Menschenrechtsverbrechen am Pranger, sondern trägt auf der internationalen Bühne ein familiäres Problem aus. Doch nicht einmal das kann der Mann allein verantworten. Auch er braucht das große Ganze hinter sich, in diesem Fall seine gesamte Glaubensgemeinschaft, samt Gott und dem Propheten.

Deshalb sagt Gaddafi: Die Muslime auf der ganzen Welt müssten in seinem Namen Schweizer Flughäfen stürmen, Schweizer Schiffe am Einlaufen hindern, Basare nach Schweizer Waren durchkämmen. Jeder Muslim, der sich dieser Anregung widersetze, sei „ein Abtrünniger.“

Was haben sie zu gewinnen, die derart Umworbenen? Nüchtern betrachtet: nichts. Auf das Urteil in Den Haag haben die Serben null Einfluss. Solidarität mit dem Angeklagten wird sie keinen Schritt näher an die EU bringen. Allesfalls können sie sich in die totale Isolation mitreißen lassen, und Karadzic dort Gesellschaft leisten.

Für die europäischen Muslime ist in Gaddafis Spiel ebensowenig drin. Bisher waren sie ihm relativ egal, religiöse Erleuchtung kann er ihnen auch in Zukunft nicht verprechen. Die einzige Rolle im Drehbuch, die ihnen der Despot zuweist, ist: ihm beim Verbrennen Gesellschaft zu leisten, wenn alles brennt, was er angezündet hat.

Es scheint eine banale, aber wirksame Herrschaftstechnik zu sein – sich gleichzusetzen mit seinem Volk. Kritik an der eigenen Person oder an politischen Fehlern auf die ganze Nation, das Land, die Religionsgemeinschaft zu verteilen, um sich anschließend zum furiosen Rächer der angeblich Missverstandenen und ungerecht Behandelten zu machen.

Man könnte auch schlicht Feigheit dazu sagen. Aber das hören solche Leute nicht so gern.

 

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