Die ORF-Skinhead-Erregung hat uns zu allerlei überraschenden Einsichten verholfen.

Sibylle Hamann

„Sagts doch, was ihr sagen wolltet“, hieß es in der umstrittenen Neonazi-Doku des ORF. Jetzt haben alle etwas gesagt, und es war lehrreich. Halten wir den bisherigen Stand der Erkenntnisse fest:

1. Heinz-Christian Strache findet es empörend, wenn jemand dreist behauptet, seine FPÖ sei ausländerfeindlich.

2. Heinz-Christian Strache findet es empörend, wenn jemand dreist behauptet, zu seinen Veranstaltungen kämen Neonazis.

3. Um in Österreich jemanden zu finden, der „Sieg Heil“ oder „Heil Hitler“ sagt, muss man seeeehr lange suchen. Speziell Neonazis würden Derartiges höchstens gegen Bargeld äußern – oder nicht einmal dann.

4. Heinz-Christian Strache ist wild enschlossen, jeden Neonazi, der seine Glatze, seine Hand (oder drei Finger) in die Höhe reckt, sofort wegen Widerbetätigung anzuzeigen. Pardon wegen jugendlichen Übermuts wird nicht gegeben. Wenn es so weitergeht, wird Heinz-Christian Strache demnächst Heinz-Christian Strache anzeigen.

5. Heinz-Christian Strache ist sehr sprachsensibel, insbesondere, was nazistische Untertöne betrifft. Er hört sie sogar dann, wenn sie für die meisten anderen, die Unsensiblen, die Abgebrühten, samt ihrer technischen Geräte unhörbar bleiben. Irgendjemand in diesem Land muss doch hellhörig sein! Wenn es so weitergeht, wird Heinz-Christian Strache demnächst Heinz-Christian Strache vorwerfen, er schwinge die Faschismus-Keule.

6. Unsere wackere Polizei freut sich sehr, wenn sich ihr endlich eine Gelegenheit bietet, neonazistische Umtriebe in allen Details aufzuklären, insbesondere dann, wenn ihr Eifer der FPÖ entgegenkommt. Wenn notwendig, hilft sie bei den Details ein bisserl nach, damit es der FPÖ noch besser entgegenkommt. Weil im antifaschistischen Kampf niemals Zeit verschwendet werden darf, gibt es eine permanente direkte Antifa-Info-Hotline zwischen Polizei und FPÖ-Parteizentrale.

7. Der ORF ist der oberste und einzige Hüter journalistischer Qualitätsstandards in Österreich. Wer diese immergültige Wahrheit nicht sofort und ohne weitere Nachfrage anzuerkennen vermag, wird mit dem Bannstrahl des ORF-Komunikationsschefs belegt und beschuldigt, das Geschäft der FPÖ zu betreiben.

8. Nur auf die Neonazis ist Verlass. Zwei halbkriminelle, arbeitsscheue Jugendliche sind jene österreichsichen Bürger, denen derzeit am meisten Vertrauen entgegengebracht wird. Von Alt-Nazis unterscheidet sie, dass sie sich erstens erinnern können und zweites gern zugeben, dabeigewesen zu sein. Die FPÖ glaubt ihnen, wenn sie sagen, „Sieg Heil“ gerufen zu haben; die Grünen glauben ihnen, wenn sie sagen, nicht „Sieg Heil“ gerufen zu haben; die Polizei glaubt ihnen, wenn sie sagen, was sie sagen sollen; das Publikum glaubt ihnen, wenn sie sagen, es sei ohnehin alles geschoben und gelogen.

9. Die Neonazis hätten jetzt gern, dass die FPÖ verboten wird.

10. Noch Fragen?

 

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