Das Wort „Integration“ ist zu einem Kampfbegriff verkommen. Schade drum.

Sibylle Hamann

Der ORF widmet dem Thema Integration jetzt also einen Schwerpunkt. Der wurde 2007 konzipiert, auf 2008 verschoben, dann in die Schublade verräumt, 2010 endlich ist es soweit. Das ist gut. Gleichzeitig zeigt sich, wie sehr sich in diesen Jahren die Bedeutung des Worts verschoben hat.

„Integration“ 2007, das klang nach einem ambitionierten gemeinsamen Vorhaben. „Integration“ 2010 hingegen klingt wie ein Befehl. „Integrierts euch gefälligst, dann reden wir weiter“: So etwa hört sich das heute üblicherweise an. „Integration“ ist zu einer langen Liste von Forderungen verkommen, die das Fremdsein ausschließlich als Makel definieren: Lern deutsch, verlern deine Sprache, schmeiß dein Gewand weg, vergiss deine Familie, schwör deiner Religion ab, verleugne alles, was ein bisschen auffallen könnte. Wie du das machst, ist uns völlig egal, Hauptsache, du belästigst uns nicht mit deinen Anstrengungen. Nein – garantieren können wir nicht, dass wir dich hinterher tatsächlich akzeptieren. Vielleicht stört uns ja dann immer noch dein Vorname oder deine Hautfarbe. Aber arbeite die Liste erst einmal ab, dann darfst du wieder vorsprechen, und wir schauen weiter.

Es wird wohl die FPÖ gewesen sein, die „Integration“ von Anfang an genau so gemeint hat – als Unterwerfungsgeste. Doch die neue Wortbedeutung ist mittlerweile in den Mainstream gesickert, in die Regierungspolitik. Und, ja, auch ins Staatsfernsehen.

Da muss sich, neulich im „Club 2“, ein leitender Angestellter, in Wien geboren und aufgewachsen, vom Moderator fragen lassen, ob er denn nicht vielleicht eher woanders hingehöre. Wohin denn bloß? möchte man entgeistert fragen. Und ein österreichischer Jurist, der türkischsprachiges Fernsehen schaut und auf Familienfeiern türkische Lieder singt, muss sich rechtfertigen, als stelle er da ganz ungehörige Dinge an.

Die hingebungsvolle Ahnungslosigkeit des Moderators über das „Fremde“, gepaart mit demonstrativem Desinteresse daran, spiegelt schließlich das Gesamtübel der österreichischen Integrationspolitik. Heißt das islamistisch oder islamisch; Moschee oder „türkische Kirche“; ist eine Burka dasselbe wie ein Kopftuch, und ein Türke dasselbe wie ein Kurde? Ist eh wurscht, wird hier signalisiert, geht uns nix an, muss eh alles weg, das Zeug, wir sind schließlich in Österreich.

Sagen wir es nüchtern: Mit diesem Verständnis von „Integration“ werden wir nicht weit kommen, weder in der Politik noch im Bildungsfernsehen. Wer glaubt, man könne anderen beim „Integrieren“ zuschauen und dabei selbstzufrieden auf dem Sofa sitzen bleiben, sitzt einem Irrtum auf. Migration verändert jene, die kommen und gehen ebenso wie jene, die bleiben. Migration erzeugt neue Beziehungen, neue Bedürfnisse, neue Fähigkeiten.

Die kann man erkennen, man kann sie nützen. Aber ein bisserl bewegen, ein bisserl interessieren muss man sich dafür schon.

 

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