Zum Tag der Arbeit: Über die Ich-AGs

Es hat eine Zeit gegeben, in der alles noch ganz einfach war. Da war der Unternehmer ein Kapitalist, und man erkannte ihn gleich. Die Zigarre im Mund war sein Markenzeichen, und investieren sein Hobby. Geld mutierte, wie Karl Marx analysierte, in seinen Händen zu „Kapital“, das „planmäßig eingesetzt wird, um am Ende eine größere Summe herauszubekommen.“ Ein „absoluter Bereicherungstrieb“ zeichne den Unternehmer aus, eine „leidenschaftliche Jagd nach dem Tauschwert.“

Die Opfer des Unternehmers waren die Proletarier. Die krochen am 1. Mai aus ihren finsteren Hinterhofwohnungen, nahmen die roten Fahnen in die Hand, und gingen auf die Straße. Für den Acht-Stunden-Tag, für soziale Absicherung und für eine Bezahlung, von der man leben kann. Am 1. Mai vor hundert Jahren war noch klar, wer die Reichen waren, und wer die Armen. Wer privilegiert war, und wer ausgebeutet.

Am ersten Mai des Jahres 2010 hingegen ist das nicht mehr so sicher. Die Arbeiter und Arbeiterinnen, die an diesem Tag mit roten Fahnen am Wiener Rathausplatz aufmarschieren, demonstrieren zwar immer noch für soziale Sicherheit und für eine Bezahlung, von der man leben kann. Aber es ist gut möglich, dass die Unternehmer und Unternehmerinnen, die ihnen dabei zuschauen, weniger verdienen als sie. Von sozialer Absicherung und von einem Acht-Stunden-Tag, können sie ohnehin nur träumen.

Im Östereich der Gegewart verdient ein selbstständiger Unternehmer, der keine Angestellten hat, im Durchschnitt 23.200 Euro im Jahr – brutto. Dafür arbeitet er oder sie 49 Stunden pro Woche. Was die Armutsgefährdung der „Working Poor“ betrifft, liegt die Gruppe der Selbstständigen in der Statistik Austria stets Kopf an Kopf mit der Gruppe der Hilfsarbeiter.

Dennoch scheinen die Unternehmer an ihrem Dasein nicht zu verzweifeln. Im Gegenteil: Viele von ihnen halten sich sogar für die Avantgarde der Arbeitswelt, und empfehlen ihr Lebensmodell zur Nachahmung.

Wie kommt das?

„Unternehmer ist, wer ein Unternehmen betreibt“, steht, in schlichten Worten, im österreichischen Gesetzbuch. Das sind mittlerweile sehr, sehr viele. Eine halbe Million Mitglieder zählt die Österreichische Wirtschaftskammer (WKO), deren gesetzliche Interessensvertretung; mehr als die Hälfte davon, 225.592, sind Ein-Personen-Unternehmen (EPUs). Seit 1980 hat sich deren Zahl verdoppelt. Als 2007 die 24-Stunden-Pflege gesetzlich geregelt wurde, kamen mit einem Schlag 19.000 Personenbetreuerinnen dazu. Daneben gibt es noch geschätzte 36.000 „Neue Selbstständige“, die in der Kammer nicht vertreten sind – und auch die werden stetig mehr.

Die Vielfalt des modernen Unternehmertums ist mittlerweile unüberschaubar. Der türkische Greißler zählt ebenso dazu wie die Nagelstudiobesitzerin; der Designer in seinem schicken Loft-Büro ebenso wie die Fremdenführerin oder die Style-Beraterin.

Betriebe lagern immer mehr Aufgaben an Selbstständige aus, statt Angestellte zu beschäftigen. Gleichzeitig nützen ehemalige Angestellte immer öfter die Chance, selbstständig neu anzufangen. Die Krise hat beide Trends verstärkt, und es schaut so aus, als würden die EPUs sogar noch gestärkt aus ihr hervorgehen. In einer WKO-Studie heißt es: Ein-Personen-Unternehmer seien krisenresistenter als ihre jeweilige Branche. Sie sind flexibler als die großen, sie sind näher dran an ihren Kunden – und kreativer sind sie meistens auch.

Dennoch wird Volker Plass, als Grafiker selbst ein Ein-Mann-Betrieb, das Gefühl nicht los, er sei im System Österreich eigentlich nicht vorgesehen. „Es gibt Arbeitgeber, und es gibt Arbeitnehmer. Beide haben ihre Interessensvertretungen, proporzmäßig aufgeteilt. Eine der beiden Rollen muss man sich aussuchen.“ Langsam, ganz langsam, merkt der Chef der „Grünen Wirtschaft“ trocken an, „bemerken die Sozialpartner, dass es uns überhaupt gibt. Verstehen tut man uns aber nicht.“

Wer jemals versucht hat, herauszufinden, wie eine Neue Selbstständige beispielsweise die Zuverdienstgrenze beim Kindergeld handhaben soll, ahnt, was Volker Plass meint. Weder Finanzbeamte noch Krankenkassenangestellte noch Parlamentsabgeordnete scheinen sich vorstellen zu können, dass es große Einkommenschwankungen geben kann, und dass man für Arbeit manchmal im Voraus und manchmal erst nach einem Jahr bezahlt wird.

Gewerkschaften und Arbeiterkammer nehmen EPUs zwar nicht direkt als Klassenfeind wahr, wohl aber als Problemfall: Schnell wittert man hier „Scheinselbstständigkeit“, Prekariat und Ausbeutung, und empfiehlt, wo immer möglich, in den Schutz des Arbeitsrechts zurückzukehren und ein „ordentliches“ Angestelltenverhältnis einzugehen.

Von den klassischen Freiberuflern, den Ärzten und Anwälten, den Architekten oder Notaren, können sich die EPUs ebensowenig Solidarität erwarten – denn die sind in eigenen Kammern organisiert, samt eigener Vorsorgekassen und Standesregeln, und haben ihre Claims abgesteckt. Der IT-Berater Fritz Kofler etwa fühlt sich, als „wissensbasierter Dienstleister“, durchaus in der Tradition dieser „alten Wissenberufe“. „Doch deren Standesvertretungen haben den Staat dafür eingespannt, ihre Privilegien zu schützen – von den Gerichtsgebühren, die ihnen ein stetes Einkommen garantieren, bis hin zu den Niederlassungsbeschränkungen, die Konkurrenz fernhalten.“

Bleibt die Wirtschaftskammer, die für Gewerbetreibende zuständig ist. Herauszufinden, ob man ein „Gewerbe“ ausübt und damit automatisch Mitglied wird, ist jedoch eine Wissenschaft für sich: Schreibende Journalisten brauchen keinen Gewerbeschein, fotografierende schon; allerdings nicht, wenn sie „künstlerisch“ fotografieren. Winzer, Babyberater, Psychotherapeuten, Gepäckträger, Prostituierte und Buchautoren brauchen keinen; Lebensberater, Gartenbewässerer, Buchverleger, Fremdenführer und Astrologen hingegen schon. Begründbar sind diese Unterschiede eher mit der mittelalterlichen Zunftordnung als mit moderner Logik.

Dass sich viele EPUs in der Wirtschaftskammer nicht zu Hause fühlen, hat jedoch auch atmosphärische, grundsätzliche Gründe. Volker Plass sieht hier „paternalistisches Denken“ am Werk. „In den Augen der Funktionäre bist du einer, der es noch nicht richtig geschafft hat. Ein „Jungunternehmer“, dem man helfen muss, ein „richtiger“ Unternehmer zu werden.“

Genau das jedoch ist ein riesiges Missverständnis – weil EPUs typischerweise gar nicht wachsen wollen. Tatsächlich wünscht sich in Umfragen nur ein Sechstel von ihnen, zu expandieren. Die allermeisten ahnen, dass man dabei zwangsläufig mit Bürokratie, Lohnbuchhaltung und arbeitsrechtlichen Fragen kollidiert – also genau mit jener Arbeitskultur, der man eigentlich entkommen wollte, als man sich selbstständig gemacht hat.

Christoph Thun-Hohenstein leitet „departure“, eine Förderungsagentur der Gemeinde Wien, die sich speziell an die Kreativbranche wendet. Er hat bei seiner Kleintel ähnliches beobachtet. „Jemanden anzustellen und selbst Arbeitgeber zu werden, ist eine große Schwelle“, sagt er. „Es gibt viele Erfolgreiche, die ganz bewusst sagen: Ich bleibe lieber allein. Um sich nicht Verantwortung für andere aufzuladen, und unabhängiger zu sein.“

Vielleicht liegt genau hier auch der Schlüssel für das Mysterium, warum sich Ein-Personen-Unternehmen so selten beklagen. Warum sie, trotz des existenziellen Risikos, das sie auf Schritt und Tritt begleitet, immer wieder Kraft und Energie mobilisieren, und warum sie stetig mehr werden.

„Wir tun etwas, das wir gern tun“, sagt der IT-Berater Kofler. „Uns freut nicht nur der Gewinn, der am Ende herausschaut, sondern die Arbeit an und für sich. Das ist verdammt viel wert. Das ist Freiheit.“

Wie schrieben Karl Marx und Friedrich Engels einst im Komunistischen Manifest? „Die Arbeit der Proletarier hat durch die Ausdehnung der Maschinerie und die Teilung der Arbeit allen selbständigen Charakter und damit allen Reiz für die Arbeiter verloren.“

Diese Erkenntnis scheint für die Ein-Personen-Unternehmer von heute ein programmatischer Ansporn gewesen zu sein.

 

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