…und deswegen helfen uns Verschleierungsverbote nicht weiter

Sibylle Hamann

„The World is not Enough“ heißt ein James-Bond-Film von 1999, in dem der Agent eine blaue Sonnebrille trägt. Mit dieser kann er durch die Kleider der Menschen sehen und feststellen, ob sie bewaffnet sind. Die Brille sei ein billiges Stück vom Kaufhaus-Wühltisch gewesen, musste der Regisseur immer wieder beteuern. Denn hartnäckig hielt sich das Gerücht, es könnte tatsächlich so etwas geben: eine Röntgenbrille. Eine Brille, die die Wahrheit über einen Menschen offenbart, indem sie seine Kleider verschwinden lässt.

Wahrscheinlich erinnerten sich einige Kino-Zuschauer dabei an die Yps-Hefte ihrer Kindheit. Auch dort wurden regelmäßig Gimmicks beworben, die versprachen, mit Hilfe irgendeiner rätselhaften Technik irgendeine versteckte Wahrheit ans Licht zu holen. Man konnte, als Kind, nie recht glauben, dass das funktioniert. Es aber auch nicht ausschließen. Und weil das Yps-Heft von heute das iPhone ist (samt Gimmicks, die Apps heißen), wird auf Youtube eine Application mit Röntgenfunktion vorgeführt: iPhone-Kamera draufhalten, und man kann sehen, wie der Gesprächspartner drunter auschaut. Alles bloß ein Scherz, stellte sich bald heraus. Aber Apple hätte man es beinahe zugetraut.

All das zeigt: Enthüllung ist eine starke Phantasie. Man glaubt, zur nackten Wahrheit des anderen vordringen zu können, indem man ihm die Verkleidung vom Leib reißt.

„Nackt und bloß“ war, in den Märchen schon, ein Synonym für „unschuldig“. Dieses Motiv klingt auch in der Debatte um den Nacktscanner an: Wer seine nackte Haut zeigt, könne nichts verbergen und nichts anstellen, lautet die Hoffnung; wenn es gelinge, den anderen völlig zu entblößen, könne man sicher sein.

Gut möglich, dass dieses Wunschdenken auch im Burka-Streit steckt. Das Unwissen über die andere Religion und Kultur; das Unbehagen, im Alltag Menschen zu begegnen, die auf ihrem Anders-Sein bestehen; die Unsicherheit, mit wem man es zu tun hat: Wie schön wäre es, all das mit einem Handstreich beseitigen zu können – indem man einer einzelnen Frau den Schleier vom Kopf reißt!

Doch wir können uns ziemlich sicher sein: Es wird nichts nützen. Der politische Zaubertrick funktioniert nicht, genausowenig wie die Röntgenbrillen und die Yps-Gimmicks funktioniert haben. Wir kommen der verschleierten Frau keinen Millimeter näher, indem wir sie zwangs-enthüllen, und zu ihrer Befreiung tragen wir damit nicht einmal in Ansätzen bei. Eher im Gegenteil.

Die afghanischen Männer, die Tag für Tag nur Burkas zu sehen bekamen, brachten es übrigens zu einer gewissen Meisterschaft, die Körper darunter zu erahnen. Am Blick, am Schritttempo, an der Körperhaltung und den Bewegungen konnten sie präzise das Alter, den Stand und den Bildungsgrad einer Frau ablesen. Dem Röntgenblick kamen sie damit näher als 007 mit seiner Brille.

Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.