Berlusconi zeigt, wie unerträglich positives Denken sein kann.

Sibylle Hamann

In drei Jahren, sagt Silvio Berlusconi, will er denn Krebs besiegen. Berlusconi ist weder Genetiker noch Biochemiker noch Pharmazeut, sondern Bauunternehmer, also meint er es wohl ein bisschen anders.

In drei Jahren, meint er, wird seine segensreiche Gegenwart als Regierungschef die Genetiker, Biochemikerinnen und Pharmazeuten des Landes genügend inspiriert haben, um Medikamente zu finden, die den Krebs besiegen. Berlusconi meint, wie alle Egozentriker: Wo ich bin, blühen die Normalmenschen auf. Mein positives Denken ist ihr Ansporn. Erst ich hauche dem normalen Kleinkram, den sie tun, Größe ein.

Berlusconi will uns jedoch noch etwas Zweites sagen – weil er eben nicht nur Bauunternehmer, sondern auch erfolgreicher Politiker ist. Ihr Normalmenschen, sagt er, wisst zwar ebensowenig wie ich, wie man den Krebs besiegen könnte. Aber ich nehme euch diese Unsicherheit von den Schultern, damit sie euch nicht mehr quälen kann. Ich habe zwar ebensowenig Ahnung, wie alles weitergeht, aber ich behaupte einfach einmal: Das Leben wird gegen den Tod gewinnen. Und solange ihr mich wählt, werdet ihr jemanden haben, der euch das jeden Tag versichert, beim Aufwachen und beim Schlafengehen.

Genau ein Jahr ist es her, dass ein Erdbeben die mittelitalienische Stadt L’Aquila in Trümmer legte. Berlusconi hat den Obdachlosen eine neue Stadt bauen lassen. Er hat jedem einzelnen persönlich den Schlüssel für die neue Wohnung in die Hand gedrückt, samt einer Autogrammkarte mit seinem grinsenden Gesicht. Er hat die mächtigsten Menschen der Welt, quasi als Schutzpatrone, zu einem spontanen G-8-Gipfel hierhergebracht. „L’Aquila 2“ ist der steingewordene Beweis, dass die Erde wieder heil wird, wenn einer wie Berlusconi sie berührt.

Ob das alles sinnvoll war, wie viel es gekostet hat, wieviel davon in Korruption versickert ist, wieviel Vernüftigeres man mit den Abermillionen hätte anstellen können? Das sind läppische Fragen – angesichts der Behauptung, dass es tatsächlich einen Menschen gibt, der stärker ist als der Tod.

Barbara Ehrenreich, die alte Meisterin der amerikanischen Sozialreportage, hat ein neues Buch geschrieben. „Smile or Die: How Positive Thinking Fooled America and the World“, heißt es. Darin rechnet sie mit dem permanenten, penentranten Optimismus ab, der behauptet, jedem Problem sei durch hartnäckiges Grinsen bezukommen. Mit der großen Verschwurbelungsmaschine, die billige Heilsversprechen ausspuckt, um die unangenehmen konkreten Fragen vergessen zu machen.

„Positiv denken“ sei weder positiv, noch sei es Denken, sagt Ehrenreich. Und wirbt für zwei große Tugenden, die ein bisschen aus der Mode gekommen scheinen: Skepsis und Wachsamkeit.

Barbara Ehrenreich bekam selbst eine Krebs-Diagnose. Sie ist wieder halbwegs gesund. Nicht, dass Berlusconi daran in irgendeiner Weise beteiligt wäre.

 

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