Die Gemeindewohnungen werden für Besserverdienende geöffnet. Ist das gut?

Ein Gespräch mit einem Stadtplaner

220.000 Mietwohnungen besitzt die Gemeinde Wien – und ist damit der größte Hausherr Europas. Verteilt auf 2300 Gemeindebauten wohnen 500.000 Menschen, ein Viertel der Wiener Bevölkerung. Von Anfang an war der Gemeindebau als leistbarer Wohnraum für Menschen mit niedrigen Einkommen gedacht. Nun jedoch soll er auch anderen zur Verfüng stehen: Am 1. Oktober, kurz vor der Wiener Wahl, tritt ein neues Wohnbauförderungsgesetz in Kraft, das die Einkommensobergrenzen deutlich hinaufsetzt; für einen Drei-Personen-Haushalt etwa von 47.270 auf 66.180 Euro im Jahr.

Man wolle den Gemeindebau „für neue Zielgruppen öffnen“, erklärt Stadtrat Michael Ludwig. Wir fragen den Stadtplaner Reinhard Seiß, was er davon hält.

Ist die Öffnung der Gemeindebauten für die Mittelschicht eine gute Idee?

Reinhard Seiß: Ich nehme an, dass es darum geht, die Entstehung von sogenannten Gettos zu vermeiden. Ich persönlich sehe kein Problem darin, wenn es an manchen Orten konzentriert ethnische oder soziale Subkulturen gibt. Aber wenn eine Stadtregierung sagt, wir wollen das nicht, damit können die Leute nicht umgehen, kann ich das nachvollziehen. Prinzipiell ist es richtig, dass jedes Stadtviertel eine gewisse Durchmischung braucht.

Bisher müssen Mieter eigentlich aus dem Gemeindebau ausziehen, wenn sie zuviel verdienen…

Seiß: … was der Durchmischungsidee ja völlig zuwider läuft. Da könnte ein Gesetzgeber, mit ein bisserl Kreativität, aber andere Lösungen finden, etwa einkommensabhängige Mieten. Damit könnten Besserverdiener ganz offiziell im Gemeindebau bleiben und der Allgemeinheit etwas zurückgeben. Es kann ja nicht Ziel und Zweck sein, dass die alle in die Cottage ziehen müssen.

Was halten Sie von der Idee, Gemeindewohnungen an ihre Mieter zu verkaufen?

Seiß: Gar nichts. 220.000 Wohnungen – das ist eine einzigartige Manövriermasse für die Sozialpolitik, ein Schatz, den keine Regierung je aus der Hand geben sollte. Wenn man den verkauft, ist jeder Gestaltungsspielraum weg.

Dass man Gemeindebauten mitten in bürgerliche Wohngegegenden gestellt hat, folgte ja schon im Roten Wien dem Ziel der sozialen Durchmischung…

Seiß: Ja, nicht nur der sozialen, sondern auch der städtebaulichen. Speziell die großen Höfe, die sogenannten Superblöcke, die man damals in die gründerzeitlichen Bezirke implantierte.

Was war das Besondere in diesen Höfen?

Seiß: Da gab es auf einmal genügend Platz, Grünflächen, Spielplätze. Andererseits waren sie stark nach innen orientiert, und zeigten dem Straßenraum oft die kalte Schulter. Urbanität konnte so nur selten entstehen.

Kann man das auch symbolisch verstehen – dass die Gemeindebauten ein in sich geschlossener Mikrokosmos sind?

Seiß: Sicher wollten die Sozialdemokraten hier ihre eigene Klientel schützen und zusammenhalten. Sie hatten das Proletariat aus den engen, tuberkuloseverseuchten Elendsquartieren geholt, aus den Zinskasernen der gründerzeitlichen Spekulanten, und menschenwürdig einquartiert. Allerdings muss man auch sagen: Der Sozialismus, die Idee, dass alle gleich sind, hat es in keinem Land, zu keiner Zeit geschafft, Stadt zu generieren. Was wir heute als Urbanität schätzen – den attraktiven öffentlichen Raum, Lebendigkeit, Vielfalt – das ist ein Produkt der bürgerlichen Stadt.

Sind die Gemeindebauten überhaupt attraktiv für die Mittelschicht?

Seiß: Die Gemeindebauten aus der Zwischenkriegszeit sind städtebaulich sehr gut, auch aus heutiger Sicht. Großzügige Freiflächen, viel Sonne, gute Infrastruktur – das sind Qualitätsstandards, die weit über dem liegen, was dem Mittelstand heute geboten wird. Was in den letzten 15 Jahren im sozialen Wohnbau hochgezogen wurde, an der Alten Donau, am Wienerberg, ohne öffentlichen Verkehrsanschluss, Grün nur zwischen den Belüftungsschächten der Tiefgaragen – diese Siedlungen sind Urbanitätskiller! Und angesichts der Wiener Wohnbautradition beschämend.

Man hat oft den Eindruck, die großzügigen Freiflächen in den Gemeindebauten liegen brach…

Vielleicht weil die Hausordnung dort alles verbietet? Ich weiß es nicht. Aber auch eine leere Wiese in der Stadt ist auf keinen Fall ein Schaden.

Könnte es sein, das eine Mittelschicht diese Freiräume anders nützt?

Man sollte die urbanitätsstiftende Wirkung der Mittelschicht nicht überbewerten. Vor die Wahl gestellt: Parkplatz oder Kinderspielplatz, entscheidet sie sich oft für den Parkplatz. Sozial Schwache beleben die Stadt vermutlich viel stärker. Weil sie oft gar kein Auto haben, um in die SCS zu fahren. Weil sie gezwungen sind, vor Ort einzukaufen, und damit das Kleingewerbe stärken. Und weil die Platznot zu Hause sie raus auf die Straßen und Plätze treibt.

Zur Person

Reinhard Seiß ist Raumplaner, Fimemacher, Buchautor. Zuletzt erschienen: Wer baut Wien? Hintergründe und Motive der Stadtentwicklung Wiens seit 1989. Pustet-Verlag, 2008

 

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