Da war einmal dieser dringende, drängende Wunsch, Weihnachten davonzulaufen. Nicht im Sinn von: Urlaubsweihnachten, Weihnachten am Strand, Jingle Bells unter Palmen, Bescherung am Pool oder so etwas. Sondern wirklich: gar kein Weihnachten. Nicht mal dran denken. Arbeiten.

Haiti schien mir der richtige Ort dafür. Ein gottverlassenes Land. Zerstört, verwüstet, innerlich wie äußerlich, schon lange bevor das jüngste verheerende Erdbeben kam. Bitterarm, und dennoch voller vibrierender kultureller Energie. Kein Tourismus. Keine intakte Straße. Null Infrastruktur. Da würde ich mit den äußeren Umständen des Reisens genug zu tun haben, dachte ich mir. Keine Chance, auch nur auf das Datum des Heligen Abends achten zu können.

Vielleicht war es also Zufall, dass ich just am Heiligen Abend in einem Gästehaus am Strand eincheckte. Im Gästehaus waren keine Gäste. Am Strand lag Sand und Plastik. Die Fliegengitter klapperten im Wind.

Nicht an Weihnachten denken, dachte ich, während ich eine labbrige Scheibe Weißbrot aß, mit Tunfisch direkt aus der Dose. Nicht an Weihnachten denken, dachte ich, während ich am Weltempfänger herumdrehte, auf der Suche nach dem BBC Worldservice. Nicht an Weihnachten denken, dachte ich, während ich mir ein Tuch um den Kopf wickelte, gegen den beißenden Sand und die brennende Sonne und den rauen Wind, und auf die grau spritzende Gischt hinausschaute, denn an Schwimmen war hier nicht zu denken.

Dann kamen die zwei Angstellten aus dem Gästehaus und schwangen sich aufs Fahrrad, einer auf den Sattel, der andere auf den Gepäckträger. Sie sagten, es sei noch Weißbrot und Dosenfisch da. Sie führen jetzt heim, denn es sei ja Weihnachten. Jwaye Nwel. Ob ich das etwa vergessen hätte?

Eine Zeitlang hörte ich noch die rostige Fahrradkette ächzen, dann klapperte nur noch das Fliegengitter. Viele Stunden lang.

Nein, ich habe Weihnachten nicht vergessen. Im Gegenteil. Man denkt sehr viel daran, wenn einen das wirkliche Weihnachten nicht davon ablenkt.

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