Was Julian Assanges Anhänger derzeit aufführen, hat mit Transparenz nichts mehr zu tun. Eher mit Paranoia und Hysterie.

Sibylle Hamann

Die Welt, insbesondere ihr vernetzter Teil, hat einen neuen Helden. Seine Fans twittern und verlinken, was das Zeug hält. Bei der Wahl zum Menschen des Jahres im TIME-Magazine hat er meilenweit die Nase vorn.

Die Enthüllungsplatform Wikileaks hat sich – als neue, unberechenbare, mächtige Akteurin in der internationalen Öffentlichkeit – so viel Aufmerksamkeit sicher verdient. Auch der Mensch Julian Assange mag interessant sein. Was allerdings seltsam anmutet, sind der Tonfall und die Methoden seiner Anhänger. Der Tonfall ist religiös bis hysterisch. Und die Methoden schlagen ins Hetzerische um.

Assange ist also festgenommen worden. Weil es einen internationalen Haftbefehl gegen ihn gibt. Den hat die schwedische Justiz ausgeschickt, die ihn zu mehreren Vorwürfen der sexuellen Nötigung befragen will.

So weit, so schlicht. Aber schlicht ist gar nichts für Menschen, die stets an die größte denkbare Verschwörung glauben. Das sei alles nur ein Komplott, um den „Feind Nummer Eins des Pentagon“ zum Schweigen zu bringen! Weil sich die Mächtigen dieser Welt gar so sehr vor ihm fürchten!

Ja, es ist richtig, dass das schwedische Sexualstrafrecht strenge Maßstäbe anlegt, um zu definieren, wo ein sexueller Übergriff beginnt. Es sind strengere Maßstäbe als in anderen Ländern. Ja, es ist auch möglich, dass sich die Anschuldigungen am Ende als haltlos herausstellen.

Aber es ist auszuschließen, dass sich Schweden sein Sexualstrafrecht bloß ausgedacht hat, um einen unwiderstehlich attraktiven Messias in eine heimtückische Falle zu locken. Ebenso unwahrscheinlich ist, dass die schwedische Justiz als verlängerter Arm des CIA agiert, und auf bloßen Zuruf hin hurtig falsche Opfer und falsche Aussagen apportiert.

Genauso scheinen sich jedoch Assanges Anhänger die Welt vorzustellen. Beinahe empört klingen sie, dass man einen derart wichtigen Mann mit derart banalen Vorwürfen belästigt. Sie nennen ihn Captain Neo. Im Film „Die Matrix“ ist Neo (auch „der Eine“ oder „der Besondere“ genannt), der einzige Mensch, der die Lüge durchschaut. Ihm ist die Aufgabe zugedacht, der Welt die Wahrheit zu bringen. Nichts weniger.

„Wir brauchen unseren Captain Neo, egal ob er keusch oder ein Frauenverführer ist, damit er die geheimen Machenschaften unserer Regierungen enthüllen kann“, heißt es auf der Website „Counterpunch“. „Wir müssen alle unseren Teil dazu beitragen, um ihn zu beschützen – vor kastrierenden Frauen ebenso wie vor den Geheimdiensten…. Das Schlachtfeld ist Wikileaks, und ihr seid die Truppen!“

Bei Twitter werden Teilnehmer, die Meldungen empfangen, „Follower“ genannt. Einige verstehen diesen Auftrag derzeit wörtlich. Sie nahmen eine jener Schwedinnen ins Visier, die Assange angezeigt hatten. Zehntausendfach vervielfältigte Gerüchte über sie gehen derzeit um die Welt, ohne seriöse Quelle, ohne Beweis. Über ihre Bekanntschaft mit kubanischen Frauenrechtlerinnen – was sie quasi automatisch zur CIA-Agentin macht. Über ihr Vorleben, ihren Kondomgebrauch und sonstige Lebensgewohnheiten, samt Fotos und alten Blogeinträgen.

Wie weit ist das eigentlich noch vom altbekannten „Schlampen“-Vorwurf entfernt? War dieses digitale Mobbing gemeint, als uns Wikileaks Transparenz versprach? Und wird es die Welt freier, offener, demokratischer machen?

Ich fürchte: Nein.

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