100.000 Italienerinnen sind es leid, von Silvio Berlusconi kollektiv erniedrigt, beleidigt und verhöhnt zu werden. Sie wehren sich und protestieren. Endlich.

Sibylle Hamann

Sie haben sich schlafen gelegt in Italien, in einem Land, wo die Zitronen blühten. Viele Jahre später schlagen sie die Augen auf und sind in Bunga-Bunga-Land. Erschreckt schauen sich die Italienerinnen um – und erschaudern beim Anblick, der sich ihnen bietet. Was ist hier bloß passiert, mit der Menschenwürde und mit dem Geschlechterverhältnis?

Es ist Zeit, aufzuwachen, Klarheit zu schaffen. Etwa mit der Frage: Wer sind denn eigentlich die „schönen Mädchen“ des Regierungschefs?

Eine heißt Ester P. und ist 25. Sie war Silvio Berlusconi aus Dankbarkeit zu Diensten, weil er die medizinische Behandlung ihrer kranken 5jährigen Tochter bezahlte. Eine andere, die Brasilianerin Iris B., hatte sich schon als Minderjährige prostituieren müssen und wollte sich bei den Partys vor allem satt essen. Die Berberin Karima Rashida El Mahrong war neun, als sie daheim in Marokko von zwei Onkeln vergewaltigt wurde, riss aus, schlug sich mit Taschendiebstählen durch, ehe sie mit 17 als Tänzerin in einem Nachtclub landete.

Von diesen Frauen könnte man einiges erfahren über die Wirklichkeit der italienischen Sozial- und Migrationspolitik, über Subkulturen, familiäre Gewalt und über das Leben auf der Straße. Oder man streckt sich einfach auf einem Bett aus und lässt sie an sich vorbeitanzen, in zwanzig identischen roten Baby-Doll-Negliges zum Beispiel. So mochte es Berlusconi besonders gern. Dann sind sie keine Menschen mehr, sondern Mädchen mit Oberweiten, und alle irgendwie gleich.

Nächste Frage: Wie ist das mit dem Spaß in dieser Gesellschaft? Wer hat ihn, und wer definiert, wo er aufhört? Wenn sich alte reiche Männer mit jungen nackten Frauen umgeben, ist der Spaß, nüchtern betrachtet, meistens einseitig. Von „sehr stressigem Sex mit dem Alten“ ist in Telefonprotokollen die Rede, die nun bei der Justiz liegen. Eine Frau erzählt: „Ich war vorbereitet, aber als ich ihn dann physisch sah, ist mir echt die Lust vergangen. Ich fand das alles so widerlich.“

Der Hauptgrund für Bunga-Bunga aus Frauensicht: „Man verdient 5000 Euro an einem Abend.“ Dieses Arrangement trägt den schlichten Namen Prostitution. Der eine zahlt, die andere tut dafür so, als sei er ein toller Kerl. Mit Sex hat das wenig zu tun, umso mehr mit Macht.

Was zur nächste Frage führt: Was haben diese privaten Machtspiele des Regierungschefs mit den realen Machtverhältnissen in Italien zu tun? Sehr viel. Eines von Berlusconis Lieblingsspielen, liest man, sei es gewesen, Frauen in Krankenschwesternkluft oder (echten) Polizistinnen-Uniformen strippen zu lassen. Für wirkliche, hart arbeitende Krankenschwestern und Polizistinnen wird da nicht viel Respekt übrigbleiben.

Eine ganze Generation junger Frauen ist mittlerweile mit dem Role Model der „Veline“ herangewachsen – einer nur im italienischen Fernsehen existenten Figur, die im Bikini als Auflockerung durch Sendungen tanzt. Berlusconis Erfolg begann Anfang der 80er Jahre damit, dass er Hausfrauen dazu brachte, sich in TV-Shows auszuziehen. Dann weitete er das Versprechen aus: Wen du dich ausziehst, kannst du EU-Parlamentarierin oder Ministerin werden. Soll heißen: Politikerin oder Showgirl – alles das gleiche, alles wurscht, denn zu sagen hast du ohnehin nichts.

Im globalen „Index of Gender Equality“ liegt Italien heute auf Platz 74, zwischen der Dominikanischen Republik und Gambia. Das haben sich die Italienerinnen nicht verdient. Wünschen wir ihnen Erfolg für ihren Massenprotest am 13. Februar.

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