Sein ehemals engster Freund zeichnet das Psychogramm eines Kontrollfreaks. Solche Leute gibt es überall. Es hilft, wenn man ihre Ticks und Tricks durchschaut.

Sibylle Hamann

Es gibt die Theorie, dass schüchterne Menschen oft Schauspieler werden. Sie bannen ihre Schüchternheit, indem sie sich vor hunderten Menschen auf die Bühne stellen, und verwandeln sie so in Kunst. Ist es analog dazu denkbar, dass ein Machtmensch, der vom dringenden Bedürfnis nach Kontrolle getrieben wird, sein ganzes Berufsleben in den Dienst von Offenheit, Transparanz, Demokratie und Kommunikation stellt?

Wer das neue Enthüllungsbuch über WikiLeaks liest, verfasst von Daniel Domscheit-Berg, kommt zu dem Schluss, dass Julian Assange genau so ein Fall sein könnte. Das ist spannend. Denn in der Geschichte des WikiLeaks-Gründers verbergen sich einige grundsätzliche Erkenntnisse darüber, wie solche Menschen funktionieren. Es gibt sie am Arbeitsplatz, in der Politik, daheim, überall.

Julian Assange, erfahren wir, kann eigentlich nur über sich sprechen. Die grundlegende soziale Kompetenz, sich für ein paar Minuten in die Gedankenwelt eines anderen Menschen zu versetzen, scheint ihm völlig zu fehlen. „Respekt“ ist eines seiner Lieblingsworte. Er forderte ihn von anderen ein, ohne ihn anderen entgegenzubringen.

WikiLeaks ist die Vernetzung von Informationen. Innerhalb von Wikileaks hingegen pochte Assange auf Hierarchien. Er zeichnete Kommunkationspyramiden, mit ihm an der Spitze. Wenn andere miteinander redeten, fühlte er sich bedroht. Beziehungen unterbindet man, indem man Zwietracht sät. Eine wirksame Methode ist der Satz: „Du weißt ja, dass die anderen schlecht reden über dich?“

Assange lebte ohne festen Wohnsitz, schlief auf fremden Sofas und schnorrte sich durch. Doch er deutete Freundlichkeit als Unterwerfungsgeste. Seine Gastgeber begriff er als Menschen, die sich ihm in den Dienst gestellt hatten – ein Missverständnis, in dem vielleicht auch die schwedischen Vergewaltigungsvorwürfe wurzeln.

Kritik konnte er ausschließlich als persönlichen Verrat verstehen. Zur Abwehr von Kritik nach außen perfektionierte Wikileaks eine Taktik, die auch die meisten modernen Kundendienste anweden: Niemals über den Kern des Problems reden, sondern vernebeln, ablenken, mit nebensächlichen Details verwirren, bis Kritiker entnervt das Handtuch werfen.

Eigene Fehler gibt es nämlich nicht – es gibt bloß andere, die einen sabotieren. Je kapitaler der Fehler, desto größer muss der Gegner werden; und je größer der Gegner, desto größer wird die eigene Bedeutung. Das mündet direkt in Verschwörungstheorien. Dass alles mit allem zusammenhängt, und sich „die ganze Welt“ gegen einen verbündet hat – was könnte besser beweisen, wie wichtig und raffiniert man ist?

Klassisches Zubehör der Verschwörung ist die Paranoia. Assange ging stets Umwege (auf denen er sich dann verirrte), und wollte sich eine kugelsichere Weste zulegen. „Erst wenn sie mit ihren Kampfstiefeln deine Tür eintreten und dich holen kommen“, sei die wahre Überzeugung erreicht, sagte er gern.

Dazu passt die Geheimniskrämerei um die eigene Person. Die Herrscher im Altertum leiteten ihre Herkunft von den Göttern her. Assanges Herkunftsgeschichte existiert in Dutzenden mysteriösen Varianten, er selbst setzte sie in die Welt. Mit der vagen Herkunft gehen umso spezielle Fortpflanzungsideen einher: Wie viele große Männer gab auch Assange sich der Phantasie hin, „viele kleine Julians“ zu zeugen, am besten „einen auf jedem Kontinent“.

Nein, gekümmert hätte er sich um die dann wohl nicht. Es wären verlorene Kinder geworden, wie er selbst einer war. Aber das wäre einem wie ihm gar nicht aufgefallen.

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