Das Manifest des Osloer Attentäters, gelesen mit dem analytischen Instrumentarium von Klaus Theweleit: Eine erhellende, erschreckende Lektüre

Sibylle Hamann

Nein, man muss das 1500-Seiten-Manifest des Osloer Attentäters Anders Breivik nicht gelesen haben. Es ist mühsam, und spätestens nach den ersten 300 Seiten flimmern einem die Augen. Dennoch kann man es tun, und es gehen einem dabei sogar Lichter auf. Insbesondere, wenn man sich dazu ein Buch aus dem Regal holt, das man zuletzt vor 25 Jahren in der Hand hatte: Klaus Theweleits Klassiker „Männerphantasien“, ebenfalls knapp 1000 Seiten stark. Nebeneinandergelegt und parallel gelesen, tun sich zwischen den beiden Werken tiefe Einblicke auf – in bizarre, aber politisch-analytisch hochinteressante Abgründe.

Theweleit untersucht in seinem 1977/78 erschienenen Werk die Zusammenhänge zwischen Faschismus und Geschlechterverhältnis. Dafür nimmt er sich die deutschen Freikorps-Soldaten der Zwischenkriegszeit her; Angehörige jener Freischärlertrupps, die in den Anfangsjahren der Weimarer Republik die kommunistischen Revolten niederschlugen und aus denen später viele führende Figuren der nationalsozialstischen Bewegung hervorgehen sollten.

Er seziert das Innenleben dieser jungen Männer nach allen Regeln der Kunst. Ihr Frauenbild, ihre Körperwahrnehmung, ihre Ängste, ihre Phantasien, die Bedrohungsszenarien, die sich sich ausmalten, und die Rettungsvisionen, an die sich klammerten: Was war es, das diese Männer antrieb, was formte ihr politisches Weltbild, was machte sie bereit für grausamste Gewalttaten, und wie mündete das alles schließlich in Terror, Massenmord und Krieg?

Theweleit hat dafür tausende Quellen ausgewertet, Literatur, Schundromane, Briefe, Autobiograhien, Bilder, Zeichnungen, Werbeplakate und politisches Propagandamaterial. Hätte er Breiviks Manifest in der Hand gehabt – der Attentäter von Oslo wäre der perfekte Patient, um seine Charakterstudie zu illustrieren. Und so sehr aus Theweleits Diktion auch der Geist der Siebzigerjahre weht – inhaltlich hat seine Analyse nichts von ihrer Schärfe verloren.

Alles beginnt nämlich mit der Angst. Vor der Flut, dem Brei, der Unordnung; vor den Massen, dem Verschlungenwerden. War für die Faschisten der Zwischenkriegszeit diese „Flut“ gleichbedeutend mit der kommunistischen Revolution, so passt die Terminologie mindestens ebensogut auf das Bedrohungsszenario, das die gegenwärtigen fremdenfeindlichen Kulturkämpfer an die Wand malen. Nicht zufällig gehören Begriffe wie „multikultureller Einheitsbrei“,“Ausländerflut“ oder „Überschwemmung“ zu ihrem Lieblingsvokabular.

„Die Flut ist erregend und beängstigend zugleich“, scheibt Theweleit dazu. „Sie ist entweder in einem selbst oder außen ganz nah. Die Männer scheinen jede strömende oder bevorstehende Flut direkt auf sich, jeder auf seinen Körper zu beziehen. Schauplatz des Tobens ist immer auch der eigene Leib.“

Er konnotiert die Angst vor dem Verschmelzen, vor der Vermischung, vor der Uneindeutigkeit, mit der Angst vor der Frau. Das mag auf den ersten Blick an den Haaren herbeigezogen klingen. Doch schon der erste Blick in Breiviks Manifest zeigt, dass diese Diagnose ziemlich genau ins Schwarze trifft. Denn da ist tatsächlich wenig von Ausländergesetzen, Arbeitsmigration oder der Scharia zu lesen. Dafür umso mehr von der drohenden „Feminisierung der europäischen Kultur“, vom „radikal-feministischen Angriff auf unsere Werte“, der „psychologischen Kriegsführung gegen den europäischen Mann“, von Testosteron und „Alpha-Boys“.

Breivik spricht offen aus, dass sein anti-islamischer, anti-marxistischer Kulturkampf sich über weite Strecken mit einem anti-weiblichen Geschlechterkampf deckt. Da „60 bis 70 Prozent aller kulturellen Marxisten weiblich“ seien, müsse sich die Strategie logischerweise auf sie konzentrieren. An jenen Stellen seines Traktats, wo er versucht, Mitkämpfer anzuwerben und ihnen konkrekte Handlungsanleitungen zu geben, wird deutlich, dass er dabei ausschließlich Männer im Kopf hat: Als Tarnung für geheime Aktivitäten empfiehlt er ihnen, „ein Mädchen zu erfinden. Sagt, ihr geht in einen Massagesalon oder fahrt in ein ausländisches Bordell. Oder sagt, ihr seid süchtig nach einem Computerspiel. Das wird jeder eurer Bekannten verstehen.“

Bei Theweleits Soldaten sind die kommunistischen „Flintenweiber“ der Inbegriff des Bösen. Frauen, die Waffen in die Hand nehmen, und sich damit anmaßen, wie Männer zu sein.

Bei Breivik hingegen besteht das Hassbild Frau aus zwei komplementären Teilen. Auf der einen Seite stehen die „weiblichen Power-Figuren“, von denen er sich in Fernsehen und Popkultur umzingelt fühlt, unterstützt von „Gender-Polizistinnen“, die „Männer zu Fußabstreifern gemacht“ hätten. Ihre Waffen sind nicht Flinten, sondern sexuelle Belästigungsklagen, gendersensitive Trainingskurse oder „Zeitschriften wie GQ oder Men’s Health, die von Männern verlangen, sich hübsch zu machen.“

Auf der anderen Seite, nicht minder bedrohlich, lauert die fremde muslimische Frau, die ihre Fruchtbarkeit als Waffe einsetzt. Um das zu verdeutlichen, fügt Breivik an dieser Stelle seines Traktats eine Illustration ein: Eine Frau, gesichtslos hinter der Burka versteckt, mit einem prall gespannten, hochschwangeren Bauch. Auf dem Bauch liegt ihre knöcherne Todeshand, aus dem Bauch heraus hängt eine brennende Lunte.

Das Bild könnte aus Theweleits Buch stammen. „Gerade der Fähigkeit der Frauen zu gebären gilt der Hass der Nicht-zu-Ende-Geborenen und ihre Rache“, schreibt er.

Individuell gesehen, wäre das alles bloß ein Fall für den Psychiater. Wäre es nicht längst auch politisch relevant. Denn tatsächlich ist nicht nur Anders Breivik davon überzeugt, der Feminismus habe die „Wehrbereitschaft der christlich-europäischen Bastionen von innen heraus zerstört“. Dass Zivilisation, Geschlechtergerechtigkeit, Fairness und respektvolle Umgangsformen eine Gesellschaft schwächen, und sie in Gefahr bringen, von wilden Horden überrannt zu werden, ist ein oft erhobener Vorwurf – weit über radikale Kreise hinaus.

Dagegen hilft nur: Verhärten. Erstarren. Abwehrhaltung einnehmen. „Die zitternden Soldaten wollen auf keinen Fall schwimmen, welcher Strom es auch sei“, schreibt Theweleit. „Sie wollen fest, mit beiden Füßen, mit jeder Wurzel im Boden verankert stehen, die Fluten, die da kommen, an sich abprallen lassen, sie aufhalten, eindämmen….“

Auch Breivik sucht solche Klarheit; einen „Zusammenhalt, der eine nationale Vision produziert, mit festgelegten Grenzen für akzeptables und inakzeptables Verhalten.“

Wer sich zusammenhalten will, braucht Techniken. Theweleit zählt sie auf: „Sich selbst Kommandos geben, sich zusammenreißen, alle Formen der absichtsvollen Selbstkontrolle/das Wachsein, die ständige Beobachtung/das Körpertraining im „Trimm-dich“-Sinn…Tätig sein, um etwas zu tun/Schreiben, um zu ordnen, um nicht fühlen zu müssen/ Reden, um nicht zu hören, um zu beschwören…“

Und als hätte er dieses Psychogramm gelesen, gibt Breivik detailliert Auskunft über seine Motivationsrituale. Täglich ein vierzigminütiger Spaziergang oder Workout mit dem Ipod, dann „einen Widerstandsblog lesen“ oder „die Operation mental simulieren“: „Solche Rituale laden die Batterien auf“, schreibt der Attentäter. „Schließlich motivieren sich auch die Muslime, indem sie fünfmal am Tag beten und Koransuren rezitieren.“

Rituale helfen beim Fokussieren, und machen fit für die Tat. Für die Rache an all jenen, denen die eigenen Ängste fremd sind. Die sich weder vor dem Untergang der Rasse noch vor dem Zusammenbruch der christlichen Moral noch vor der Verschmelzung mit anderen Kulturen fürchten. Wie die Jugendlichen auf der Insel Utöya. Haben womöglich unterschiedliche kulturelle Hintergründe, und dennoch keine Berührungsängste. Finden nichts dabei, im selben Zelt zu schlafen. Wer weiß, was sie dort drin tun. Und haben womöglich auch noch Spaß dabei.

Ja, selbstverständlich geht es hier auch um Sexualität. Und um Neid.

Als die jungen, unerfahrenen Freikorpssoldaten den Arbeiterfrauen begegneten, wird das nicht anders gewesen sein. Theweleit beschreibt diese als „Frauen, die nicht aus Korsetts und Miedern gemacht waren. Das waren Frauen, die für Männer zu haben waren, aber da lag auch schon der Haken: zu haben nur für andere Männer.“

Frauen, die ein Mann gern hätte, aber nicht haben kann, müssen – damals wie heute – mit Gewalt rechnen. Oder zumindest damit, „Huren“ genannt zu werden. Breivik, der auch hier klare Linien braucht, ordnet Frauen „ab zwanzig Sexualpartnern“ dieser Kategorie zu.

Überhaupt ist es bei näherer Betrachtung beinahe unheimlich, wie viele sexuelle Anspielungen sich in seinen Worten finden. Von „Entmannung“ und „Impotenz“ ist oft die Rede, von der „Vergewaltigung Europas“, Parlamentarier werden als „politische Prostituierte“ bezeichnet.

Angewidert, aber umso detaillierter erzählt Breivik über die Promiskuität, die seiner Mutter eine Herpesinfektion und seiner Schwester Chlamydien und Unfruchtbarkeit eingetragen hätten („beide haben über mich und unsere Familie Schande gebracht“). Und „basierend auf den Erfahrungen meiner männlichen Freunde, meine eigenen inbegriffen“, ordnet er die Frauen verschiedener Nationalitäten nach ihrer Sexualmoral, vergibt Punkte und erstellt Rankings.

Wieder geht es darum, jeder den ihr zustehenden Platz zuzuweisen. Oder, wie Theweleit sagen würde: „Frauen in unbelebte Objekte zu verwandeln.“

Mittelfristig stoßen körperfeindliche Rassisten allerdings auf ein programmatisches Problem: Wie soll man den Fortbestand der Rasse sichern, „den Volkskörper zusammenhalten“, sich wappnen gegen „Überfremdung“, wenn man Frauen grundsätzlich misstraut?

Theweleits Soldaten konnten sich noch in die Konvention flüchten. Die traditionelle Familie diente als Panzer, in der die männlichen und weiblichen Rollen klar definiert waren. Man musste sich bloß fügen und seine Pflicht erfüllen; nach allem weiteren – Leidenschaft, Liebe oder gar Selbstverwirklichung – wurde nicht gefragt, Scheidungen waren ausgeschlossen.

Heute ist das schwieriger. Doch Breivik hat eine Idee, wie man das Familienmodell der Fünfzigerjahre in die Moderne hinüberretten könnte: Er stellt sich eine Ehe vor, in der die Mann-Frau-Beziehung auf einen Vertrag zur Kinderaufzucht reduziert wird. Der Staat solle Häuser zur Verfügung stellen, in die Familien ab dem dritten Kind einziehen. Ausziehen dürfe man erst, wenn das jüngste 18 Jahre alt sei, Trennungen davor wären untersagt.

In einem weiten Schritt, phantasiert Breivik, könne man das Gebären an Leihmütter in Billiglohnländern auslagern. Die europäischen Embryos würden in Vitro erzeugt, die Leihmütter „nach örtlichen Marktstandards entlohnt“, die Kinder anschließend, jeweils zu sechst, in Wohngemeinschaften von je einem Erzieher und einer Erzieherin professionell aufgezogen. In letzter Konsequenz könne es schließlich auch maschinelle Gebärmütter geben.

Der Attentäter gibt das alles als Lösung für „das demographische Problem“ aus; als Antwort auf die Frage, wie man verhindern könne, dass „die nordischen Gene“ aussterben. Doch es braucht nicht viel psychotherapeutische Expertise, um zu erkennen, was dahinter hervorlugt: Die Sehnsucht, Frauen zu entmachten und samt ihrer Fruchtbarkeit überflüssig zu machen. Sie durch Dinge zu ersetzen, die man auf Knopfdruck steuern kann. Und die Sexualität, die einem ohnehin schon immer unheimlich war, ein für alle mal abzuschaffen.

Mit dieser Phantasie ist der Mann wahrscheinlich nicht allein. Theweleits Soldaten zumindest hätten daran ihre helle Freude gehabt.

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