Sie stürmen die Geschäfte, konsumieren, als gäbe es kein Morgen, und glauben unerschütterlich daran, dass alles immer noch besser wird

Sibylle Hamann

Wer „Black Friday“ sagt, meint normalerweise den Tag des Börsencrashs von 1929. Genau dort, wo dieser Börsencrash einst geschah, in den USA, meint man mit „Black Friday“ jedoch etwas anderes: Nämlich den Freitag zwischen Thanksgiving und dem letzten Novemberwochenende. An dem krachen nicht die Börsen, sondern glühen die Kreditkarten.

Obwohl der Truthahn vom Vortag, samt fetter Sauce, Süßkartoffeln und Pumpkin Pie, noch schwer im Magen liegt, quälen sich die Amerikaner kollektiv im Morgengrauen aus den Betten, klemmen sich Gutscheinhefte und Werbeprospekte unter den Arm und gehen Schnäppchen jagen. Am schwarzen Freitag öffnen die Geschäfte um fünf oder sechs, da winden sich die Warteschlangen oft schon um den ganzen Häuserblock, und unterscheiden sich von den Warteschlangen in der ehemaligen Sowjetunion nur in der Art der Produkte, die als Belohnung warten: X-Box, Waffeleisen, iPad, schicke Stiefel im Supersaver-Sonderangebot (sofern sie, wie in der ehemaligen Sowjetunion, nicht ausverkauft sind, bis man sich an die Spitze der Schlange vorgekämpft hat).

Neun Prozent Arbeitslosigkeit, drohende Staatspleite, politische Totallähmung, rabenschwarze Konjunkturaussichten – da könnte man es heuer doch, ausnahmsweise nur, etwas vorsichtiger, bescheidener angehen? Nein, so würden nur Europäer denken. Für die Amerikaner hat die Krise bloß eine einzige kleine Veränderung gebracht: Dass viele Geschäfte heuer noch früher aufsperrten, um Mitternacht. Da konnte man sich gleich nach dem Thanksgiving-Dessert schon anstellen. Um das Geld so schnell wie möglich loszuwerden, solang noch etwas davon da ist.

152 Millionen Amerikaner waren vergangenen Freitag shoppen, um 14 Millionen mehr als im Vorjahr, Umsatzplus 6,6 Prozent, dazu kommt noch ein 24prozentiges Plus im Online-Geschäft. Nein, die lassen sich nicht irritieren. Sind sicher, dass es ihnen morgen besser gehen wird als heute, obwohl nichts, aber auch gar nichts dafür spricht.

Wer diesem paradoxen Umgang der Amerikaner mit der Krise nachspüren will, dem sei ein Film ans Herz gelegt, der eben in den Kinos angelaufen ist: Ruth Beckermanns Doku „American Passages“. Da sehen wir eine alte Frau, die den Inhalt von Self-Storage-Boxen ersteigert, deren Besitzer die Miete nicht mehr zahlen können – und fest überzeugt ist, den armseligen privaten Kram mit Gewinn weiterverkaufen zu können. Da sehen wir eine junge drogenkranke Frau im Gefängnis, die sich darauf freut, morgen ein anderer Mensch zu werden. Das Amerika dieses Films besteht aus regenverhangenen Parkplätzen, grell-schäbigen Imbissbuden und austauschbaren Shoppingmalls. Doch die überschuldeten Menschen, die es bevölkern, glauben aus rätselhaften Gründen fest daran, dass sie ihr Leben selbst in der Hand haben, und dass nach jedem Ende, an dem sie anstreifen, wieder irgendein Anfang kommen wird.

Welthistorisch gesehen, ist das Jahrhundert der amerikanischen Dominanz wohl endgültig vorbei. In USA ist so offensichtlich wie überall sonst, dass das Prinzip Wachstum, Wachstum, Konsum, Konsum, Schulden, Schulden an eine Grenze stößt; nicht irgendwann, sondern genau jetzt. In den von ihnen geführten Kriegen haben Amerikaner jüngst sogar Selbstzweifel gelernt, und erfahren müssen, wie sich Niederlagen anfühlen.

Wie kommt es bloß, dass die nicht traurig sind?

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