Man kann annehmen: Dass auf die Menschenwürde und auf die Alltagsbedürfnisse der Prostitutierten dann mehr Rücksicht genommen würde

Sibylle Hamann

Wien hat also neue Regeln für die Straßenprostitution. Wäre es nicht ein unpassendes Wort, müsste man sagen: Die neuen Regeln sind ähnlich unbefriedigend wie die alten. Nicht aus moralischen Gründen. Auch nicht aus Sorge um die Sittlichkeit oder um die öffentliche Ordnung. Sondern weil sie die Menschenrechte und die Menschenwürde der betroffenen Frauen systematisch missachten.

Stellen wir einmal die stets erhellendste aller Fragen: Cui Bono? Wem nützen die neuen Regeln? Und wem schaden sie? Dass sich Frauen nun nicht mehr in Wohngebieten an den Straßenrand stellen dürfen, sondern nur noch im finsteren, menschenleeren Prater, ist eine tolle Sache – für die Freier. Die müssen sich nun keine Sorgen mehr machen, dass sie von irgendwem erkannt werden könnten. Dass sie angehupt werden, wenn sie im Schritttempo um die Häuserblocks kurven. Dass man sie womöglich beschimpft oder verächtlich anschaut. Im Prater haben sie freie Bahn, freie Sicht, große Auswahl, und alle Zeit der Welt, das Angebot aus ihrer bequem geheizten Autozelle heraus in Ruhe zu begutachten. Was aber bedeutet es für die Frauen? Dass sie jetzt an Orten ohne jede Infrastuktur in der Kälte stehen. Dass es in der Nähe keine Studenhotels gibt, keine Dusche, keinen Raum zum Aufwärmen, zum Hinsetzen, zum Ausruhen, zum Quatschen. Keinen Würstlstand, und auch sonst nichts zu essen und zu trinken.

Das Arrangement lässt den Kunden ganz allein bestimmen, wohin er mit einer Frau fährt, wie schnell er das tut, ob er die Autotür verriegelt, und wann er die Tür wieder aufmacht. Der Frau hingegen muss ein flüchtiger Blick ins Wageninnere reichen, um zu entscheiden, mit wem sie sich da einlässt. Wenn sie draufkommt, das sie sich geirrt hat, dass der Kunde unter Drogen steht, ein Verrückter ist oder ein Gewalttäter, ist es zu spät. Dann hört sie im Prater keiner. Keine Passanten, keine Polizei, keine Kolleginnen, keine Zimmerwirtin, kein Taxler, kein Anrainer. Das Arrangement gibt den Freiern noch mehr Macht. Wer will das? Und warum bloß?

Stellen wir uns, nur einen Augenblick lang, vor, die Prostituierten in Wien wären allesamt Männer. Und die Kundinnen allesamt Frauen. Gut möglich, dass der Berufsstand dann eine eigene Kammer hätte, mächtige Verbindungsleute in alle Parteien, selbstbewusste Fürsprecher in den Medien und einen mächtigen Gewerkschaftsvorsitzenden wie Wolfgang Neugebauer. Dass es Kollektivverträge gäbe, die jährlich um fünf Prozent erhöht werden, und Zulagen für allerlei unangenehme Begleiterscheinungen des Jobs.

Gut möglich, dass der Kampf gegen Ausbeutung, Zuhälterei und Gewalt am Strich dann oberste politische Priorität hätte. Dass nicht die Prostitutierten, sondern an ihrer Stelle die Kundinnen sich amtsärztlich untersuchen lassen und ein Gesundheitsattest vorweisen müssten. Dass man die Kundinnen namentlich registrieren würde, samt Kreditkartengarantie, um die sichere Bezahlung zu gewährleisten. Sehr wahrscheinlich auch, dass man über die Kundinnen öffentlich nur in verächtlichstem Tonfall sprechen würde. Und die Öffentlichkeit voll des Mitgefühls wäre; für die Prostituierten und die Grauslichkeiten, denen sie sich jeden Tag aussetzen (müssen).

Ein absurdes Gedankeneperiment? Ja, eh. Aber es zeigt: Von wem, und für wen Gesetze gemacht werden. Auch von einer rot-grünen Stadtregierung.

 

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