Haben die jungen Menschen genug von Emanzipation, Gleichberechtigung und Fortschritt? Aber nein. Sie wollen bloß nicht genau so sein wie wir.

Kommentar: Sibylle Hamann

Das rätselhafte Phänomen wird in regelmäßigen Abständen gesichtet, etwa alle sechs Monate; meistens einmal im Frühling und einmal zu Beginn der Adventszeit. Stets ist die Sichtung von Raunen begleitet, von Kopfschütteln, Unglauben, und mindestens einem Magazincover. Nein, es ist kein fünfköpfiges Ungeheuer, und auch keine Marienerscheinung. Es ist die Hausfrau – und ihre stete Wiedergeburt, alle Jahre wieder.

Ob über den Jugendmonitor berichtet wird, diverse vergleichende Wertestudien oder die eben erschienene Publikation „Typisch Frau?“ – ein Ergebnis erfährt jedes Mal verlässlich besonders viel Aufmerksamkeit: Dass die jungen Menschen – angeblich – immer traditioneller würden, und inbesondere der Gleichberechtigung der Geschlechter adieu gesagt hätten. Willkommen im Neo-Biedermeier! schallt es dann dröhnend aus den Leitartikeln, je nach Weltanschauung bestürzt oder triumphierend. Die Mädchen wollen alle an den Herd! Die haben die Nase voll von gesellschaftspolitischen Veränderungen, die wollen lieber, wie in den Fünfzigerjahren, Apfelkuchen backen und sich für ihren Ehemann hübsch machen, statt sich in der Arbeitswelt abzustressen! „Generation retro“, „Generation Valium“, „Generation brav“: Tja, das habt ihr jetzt davon, ihr Feministinnen, kriegt von euren eigenen Töchtern die Rechnung präsentiert!

Schon dieser Tonfall könnte misstrauisch machen. Ebenso, dass sich für die Biedermeierthese im ganzen Land offenbar so wenige Beispiele finden, dass man sie immer wieder voneinander abschreiben muss (wie neulich im „profil“, das sich munter der Hausfrauen aus der „Presse“ bediente). Wer sich die Mühe macht, die erwähnten Studien genauer anzuschauen, findet dieses Misstrauen bestätigt. Denn da lässt sich alles mögliche herauslesen, über das Leben, Denken und Empfinden der Österreicher und Österreicherinnen. Nur eine Sehnsucht nach den Fünfzigerjahren ganz sicher nicht.

Ein zentrales Motiv, das hinter allen Daten hervorblitzt, ist: Dass Lohnarbeit heute eine andere Bedeutung hat als vor dreißig Jahren. Karriere, Aufstieg, lange Stunden in der Firma, zermürbende Konkurrenz um den Abteilungsleiterposten und ein dickes Auto als Staussymbol – das ist für die heute Jüngeren viel weniger wichtig als es für ihre Eltern noch war. Wichtiger ist ihnen, ihre Zeit mit etwas zu verbringen, das Freude macht. Mit sinnvoller Arbeit, bezahlt oder unbezahlt, mit Beziehungen, Freunden, Kindern.

Ist das „konservativ“? Nur wenn man ein sehr verqueres Bild von „fortschrittlich“ hat. Man könnte statt „konservativ“ einfach auch „selbstbestimmt“ sagen.

55% der 14- bis 24jährigen Mädchen können sich vorstellen, „zuhause zu bleiben und sich um Kinder zu kümmern, wenn der Partner genug verdient“ – das war, vor knapp einem Jahr, Anlass für große Aufregung. Unter den Tisch fiel dabei jedoch der zweite Teil der Antwort: Dass sich 45% der 14- bis 24jährigen Burschen genau dasselbe vorstellen können. Was zwar eine eher romantisierende Vorstellung vom häuslichen Alltag verrät (was man 14jährigen nicht unbedingt vorwerfen muss). Aber verglichen mit den 0,2 Prozent real existierenden Hausmännern, die Österreich bisher hervorgebracht hat, wäre es emanzipatorisch ein enormer Fortschritt.

Der Anlass für die Aufregung heuer: 60% der Frauen (und 63% der Männer) sagen, dass „das Leben in einer Familie einfacher ist, wenn ein Elternteil zu Hause bleibt“. Ja und? Sie sagen nicht „die Mutter“; sondern „einer von beiden“. Sie sagen nicht: Es sei erstrebenswert, ideologisch richtig oder sonstwie super, sondern „einfacher“. Bei nüchterner Betrachtung unserer Arbeitswelt, unseres Schulsystems und unserer Ferienordnung beschreibt das ziemlich präzise den Ist-Zustand. Was eine intakte Beobachtungsgabe verrät, aber kein reaktionäres Weltbild.

Für den Ist-Zustand sind schließlich nicht die Jungen, sondern die jetzt Alten und Mittelalten verantwortlich. Und spätestens hier sind wir bei einer ganz anderen Botschaft, die sich aus all den Studien herauslesen lässt: Die jüngeren Menschen finden offenbar nicht, dass die Generation ihrer Eltern ein rasend attraktives, nachahmenswertes Bild abgibt.

Sie schauen da tagein, tagaus gestressten Leuten zu, die sich abstrudeln, erschöpft sind, seufzen und schnaufen, und sich permanent darüber beklagen, dass nichts so funktioniert, wie sie es sich eigentlich vorgestellt hatten. Sie sehen, wie viel Wohlstand da erzeugt wurde, ohne das Wohlbefinden zu erhöhen. Sie hören genau hin, wenn voller Pathos stets die „Vereinbarkeit von Beruf und Familie“ beschworen wird, und erleben Tag für Tag live mit, wie leer dieses Verprechen bleibt. Sie hören, wie ununterbrochen behauptet wird, die Gleichberechtigung der Geschlechter sei längst erledigt und abgehakt. Und sehen gleichzeitig, dass im entscheidenen Moment doch immer die Frauen zurückstecken.

Wie passt das alles zusammen? Ganz und gar nicht. Kein Wunder, dass die Jungen die Unaufrichtigkeit spüren, die in all diesen hohlen Phrasen steckt. Und die Bitterkeit, die oft zurückbleibt.

„Generation Biedermeier“, „Generation Retro“, „Generation Hausfrau“? Nein, im Gegenteil. Es könnte schlicht sein, dass die ein bisschen sensibler und ein bisschen ehrlicher sind als wir.

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