… bloß den Frauen nützt es am allerwenigsten. Denn das unterschiedliche Pensionalter ist kein „Privileg“, sondern eine Benachteiligung.

Sibylle Hamann

Wem nützt es, dass eine Frau früher in Pension gehen darf als ein Mann? Es nützt, zum Beispiel, ihrem Arbeitgeber. Denn mit Erreichen des Pensionsalters erlischt der besondere Kündigungsschutz. Dann kann man eine weibliche Angestellte ganz einfach loswerden, egal wie gern sie arbeitet, egal wie gut sie arbeitet. Und Platz machen für jemand jüngeren, der/die billiger ist.

Es nützt, zum Beispiel, ihren Arbeitskollegen. Stellen wir uns vor, ein männlicher und ein weiblicher Angestellter sind Mitte fünfzig. Da ist noch eine große, verantwortungsvolle Aufgabe, die im Betrieb erledigt werden muss, maßgeschneidert für eine/n Mitarbeiter/in mit reicher Erfahrung. Wer wird die übertragen bekommen? Die Frau eher nicht, denn „die geht ja eh bald in Pension“. Die darf ihre letzten Jahre noch still abdienen, während der Kollege zum letzten Karrieresprung ansetzt und sich eine letzte satte Gehaltserhöhung sichert (die sich direkt in seiner Pensionshöhe niederschlagen wird).

Es nützt, zum Beispiel, ihrem Ehemann. Insbesondere dann, wenn der, ganz klassisch, ein paar Jahre älter ist als sie. Wie, um Himmels willen, soll denn der über die Runden kommen, als Pensionist allein zu Haus, während sie weiterhin jeden Tag ins Geschäft geht? Müsste der dann nicht einkaufen gehen, ihre Blusen in die Wäscherei bringen und Kekse backen, für den Besuch der Schwägerin? Nein, es ist schon ganz angenehm, wenn die Gattin mit dem Gatten gleich mitpensioniert wird, damit er vom plötzlichen Rollenwechsel nicht überfordert ist.

Es nützt, zum Beispiel, ihren erwerbstätigen Kindern und Schwiegerkindern. Selbstverständlich ist es praktisch, wenn man eine Oma hat, die jederzeit zum Babysitten zur Verfügung steht. Die mit Mitte fünfzig noch rüstig und fit ist, umfassend einsetzbar, unbeschränkt Tagesfreizeit hat und keine eigenen Termine, auf die man Rücksicht nehmen müsste. Ein Anfruf genügt, schon ist sie da.

Es nützt, zum Beispiel, ihren ganz alten Eltern oder Schwiegereltern. Denn die 50- bis 65jährigen Frauen leisten heute einen Großteil der häuslichen Pflege- und Bertreuungsarbeit; unbezahlt, unbedankt, unsichtbar in der Öffentlichkeit. Doch wer soll sich um die bettlägrige Uroma kümmern, wenn die Gerti-Oma jeden Tag ins Büro muss? Die männlichen Familienmitglieder etwa? Der Staat? Die Gemeinde?

An letzteren beiden Beispielen erkennen wir: Ganz besonders viel nützt das niedrigere Frauenpensionsalter der öffentlichen Hand. Der Altruismus der Pensionistinnen erspart ihr viel Geld. Je mehr Zeit und Energie diese in soziale Aufgaben stecken, desto weniger Geriatriezentren, Krippen und Horte müssen gebaut, desto weniger Pflegerinnen müssen angestellt und desto weniger Kindergärtnerinnen ausgebildet werden.

Schließlich nützt es jenen, die alle tatsächlichen Benachteiligungen von Frauen in der Gesellschaft schönreden wollen. Gehaltsschere, Diskriminierung am Arbeitplatz, ungleiche Verteiligung von familiären Pflichten, Doppelbelastung?  „Doch, gibt es, zugegeben, aber das ist schon irgendwie okay, denn zum Ausgleich für all das dürft ihr am Ende ja früher in Pension gehen, die Füße hochlegen, ins Kaffeehaus gehen, es euch richtig gut gehen lassen. Während wir Männer uns, euch zuliebe, abrackern müssen bis zuletzt. Also beschwert euch nicht!“

Das niedrigere Pensionsalter sei ein Privileg für Frauen, heißt es. Bei näherer Betrachtung stellt man fest: Es ist ein Privileg für alle anderen.

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