Das Schlimmste, sagt Ursula Baumgartl, war der Heroinentzug. Nein, nicht ihr eigener. Es ist auch kein schwieriger Teenager, von dem sie erzählt. Sondern von Mathias, drei Wochen alt. Mathias kam drogensüchtig auf die Welt. Den medikamentösen Entzug hatte das Baby im Spital schon geschafft. Aber die Schmerzen waren noch da. Mathias litt und schrie. Brauchte 23 Stunden am Tag Körperkontakt, alle zwei Stunden ein Flascherl. „Wenn du die Nächte wippend auf einem Medizinball verbringst, ein kreischendes Baby im Arm, stößt du nach drei Wochen schon an deine Grenzen“, sagt Baumgartl. Ihr Tonfall verrät, dass diese Grenzen weit gesteckt sind.

Ursula Baumgartl ist Krisenmutter, eine von etwa 45 in Wien. Krisenpflegefamilien sind jener Ort, an dem Babys und Kleinkinder kurzfristig unterkommen, wenn sie akut gefährdet sind. Wenn die Polizei wegen Gewalt, Missbrauch oder Verwahrlosung hat einschreiten müssen. Wenn Eltern verschwunden, obdachlos, überfordert oder psychisch krank sind. Dann bekommt Baumgartl einen Anruf vom Jugendamt, und sie kriegt ein Kind.

Manchmal wird es innerhalb von vierzig Minuten von einer Sozialarbeiterin im Taxi vorbeigebracht. Manchmal hat sie ein paar Tage Zeit, bis sie es aus dem Spital holt. Dann bleibt es bei ihr, sechs, sieben oder acht Wochen lang, hat Zeit, zur Ruhe zu kommen, während die Behörden überlegen, was mit ihm geschehen soll. Die Hälfte aller Krisenkinder kehrt dann zu seinen leiblichen Eltern zurück. Die andere Hälfte kommt zu Pflegeeltern.

Eigentlich müsste der Staat froh sein, dass es Menschen gibt, die derart fordernde Aufgaben übernehmen. Stattdessen macht er ihnen das Leben schwer. Ihre Geldleistungen müssen sie bei vier verschiedenen Ämtern beantragen (Familienbeihilfe beim Finanzamt, Pflegegeld bei der MA 11, sozialrechtliche Absicherung beim Verein „Eltern für Kinder“, Kinderbetreuungsgeld bei der Krankenkasse). Seit 2010 das Gesetz geändert wurde, kann man letzteres nur noch in Blöcken von mehr als zwei Monaten beziehen. Damit fallen die Kriseneltern der meisten Krisenkinder um bis zu 2000 Euro um.

Erfahren haben sie das jedoch erst, als ihre Anträge abgelehnt wurden. Für Baumgartl, die sich so schnell nicht aus der Fassung bringen lässt, war das ein Schlag ins Gesicht. „Man behandelt uns wie Bittsteller, die froh sein sollen, dass sie überhaupt Geld kriegen. Es stimmt schon, dass ich ein sozialer Mensch bin. Aber deswegen bin ich nicht dumm.“

Krisenmutter oder –vater zu sein, ist ein hochspezialisierter Fulltimejob. Doch er gilt nicht als Beruf. Es gibt keinen Berufsverband, keine Interessensvertretung. Weil die Tätigkeit am intimen Ort Familie stattfindet, ist es schwer, ein Preisschild dranzuhängen, während ein Platz im Heim oder Krisenzentrum täglich 120 Euro kostet. „Und denkt irgendjemand nach, was ein misshandeltes, beschädigtes Kind die Gesellschaft langfristig kostet?“

Jessie stürmt die Treppe herunter. Jessie ist das älteste von Baumgartls bisher sieben Krisenkindern. Sie ist fast drei, blond, lustig, wild, intelligent, reden kann sie allerdings kaum. Bei Jessie ging es um Gewalt und Alkohol, mehr darf Baumgartl nicht sagen, viel mehr weiß sie auch nicht. An den schönen Zähnen merkt man, dass die Eltern sich bemüht haben; am Wortschatz, dass sie dabei wohl aufs Reden vergaßen.

Misshandelte, vernachlässigte Kinder fremdeln nicht. „Die kommen bei der Tür herein wie kleine Roboter. Identifizieren die Futterquelle, funktionieren wie ferngesteuert und schlafen sofort, wenn man sie niederlegt. Das muss eine Art Überlebenstrieb sein.“ Es ist schön, zu beobachten, wie solche Kinder Vertrauen fassen, Sicherheit gewinnen. Baumgartl erlebt diese Momente gern. Dennoch denkt sie, wie mehrere ihrer Kolleginnen, nun ans Aufhören. Obwohl Wien eigentlich doppelt so viele Kriseneltern bräuchte.

Jessie hat den Fuß auf ein Blatt Papier gestellt und malt die Umrisse nach. Es läutet. Baumgartls elfjährige Tochter kommt von der Schule, Jessie stürmt ihr entgegen, zerrt sie an der Hand und will ihr das Kunstwerk zeigen. Jessie hat riesige Fortschritte gemacht in den letzten Tagen. „Sie ist gelandet“, sagt die Krisenmutter.

Es wird nicht mehr lang lauern, dann wird entschieden sein, ob Jessies Eltern noch eine Chance bekommen, oder ob sie zu Pflegeeltern kommt. Baumgartl wird dann ein Erinnerungsfoto machen, das Gewand zusammenpacken, einen Brief über die gemeinsamen Wochen dazulegen, den Jessie irgendwann später vielleicht lesen will, sie hinbringen und sich verabschieden. Dann lässt sie los.

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