Karitative und kommerzielle Wohltätigkeit sind prima. Noch besser wäre es, würde sich auch der Staat nicht aus der Verantwortung für seine Jugendlichen davonstehlen.

Sibylle Hamann

Da ist, zum Beispiel, Michael. Michael ist 19 und lebt in Favoriten. Die Wohnung, die er mit seinem Stiefvater teilt, ist 21 Quadratmeter groß, der Stiefvater ist Alkoholiker und arbeitslos, die Mutter, die ab und zu vorbeischaut, durchgeknallt und aggressiv. Tagsüber wird getrunken und geraucht und gestänkert, abends quetscht Michael eine Schaumstoffmatratze in den schmalen Spalt zwischen Abwasch und Herd und legt sich dort schlafen.

Da ist, zum Beispiel, Leila. Leila ist 14 und geht in die Hauptschule. Wenn sie für den Nachmittag Aufgaben hat oder eine Schularbeit bevorsteht, hat sie ein Problem. Der Vater ist nicht da, die Mutter kennt sich nicht aus, die Brüder sind desinteressiert und halten es ohnehin für überflüssig, dass ihre Schwester in die Schule geht. Zu Hause ist niemand, der ihr weiterhelfen könnte. Niemand zum Reden, kein Buch, nicht einmal ein Tisch, an dem sie sitzen und konzentriert schreiben könnte.

Für Michael und Leila gibt es neuerdings Hilfe. Um Michael kümmert sich Österreichs neuer Lieblingsrapper Sido, holt ihn in ein vom ORF bezahltes Loft und verspricht ihm Hilfe bei der Jobsuche. Um Leila kümmert sich die Caritas und holt sie nachmittags in eines ihrer 14 Lerncafes. Michael wohnt jetzt nicht mehr bei seinem verwahrlosten Stiefvater, sondern in einer WG von Möchtegern-Rappern, lernt dort kochen und verdient hoffentlich bald eigenes Geld. Leila hängt jetzt nachmittags nicht mehr im Einkaufszentrum herum, sondern hat Ruhe zum Lernen und schafft, wenn sie sich anstrengt, wider Erwarten doch noch den Hauptschulabschluss.

Oja, das ist beides großartig. Es ist gut und wichtig, dass Michael und Leila geholfen wird. Fragt sich bloß: Sind dafür wirklich Sido, der ORF, die Caritas oder andere private Wohltäter zuständig? Könnte, sollte sich für sie nicht noch irgendjemand in Österreich verantwortlich fühlen? Kann es eine Gesellschaft riskieren, Michael und Leila in ihrem traurigen Leben einfach sitzenzulassen?

Man kann das Problem, ganz nüchtern, utilitaristisch angehen: Wäre Österreich ein Land mit dynamischem Bevölkerungswachstum oder mit einen steten Zustrom motivierter, erfolgshungriger Zuwanderer – ökonomisch könnte es sich dann eventuell tatsächlich leisten, auf Michaels und Leilas Potential zu verzichten. Aber so ein Land ist Österreich nicht. Auf jeden einzelnen Jugendlichen wird es in den nächsten Jahrzehnten ankommen, denn so viele davon gibt es nicht.

Leila und Michael haben, wie alle Jugendlichen, irgendwelche Talente. Talente, die von einer demotivierenden Umgebung verschüttet oder zerstört werden. Manchmal geschieht das in böser Absicht, viel häufiger geschicht es aus familiärer Unfähigkeit oder Überforderung. Doch jenseits der Ursachenforschung bleibt für die Allgemeinheit eine schlichte Alternative: Entweder man nimmt sich dieser jungen Menschen an. Holt aus ihnen raus, was in ihnen drinsteckt, auch wenn es mühsam ist. Schreibt sie nicht ab. Lässt sie nicht gehen. Nach ein Uhr Mittags nicht, und auch nicht nach Ende der Schulpflicht.

Oder man macht einfach die Augen zu, sagt „selber schuld“, zahlt ihnen noch einige Jahrzehnte lang Sozialleistungen und hofft, dass sie irgendwann zufällig einem großherzigen, von einer sozialen Mission besselten Rapper in die Arme laufen. Oja, auch das kommt vor.

 

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