Die Vorwahlrituale in den USA schauen hoffnungslos altmodisch aus. Doch auf den zweiten Blick sind sie den Ritualen der postmodernen Informationsgesellschaft erstaunlich ähnlich.

Sibylle Hamann

Wenn Getreidebauern zusammenkommen, um etwas zu bereden, werden sie sich am ehesten auf Strohballen setzen. Zeigt einer auf, um Zustimmung zu signalisieren, hält er womöglich einen Halm zwischen den Fingern. Und spürt dabei, in welche Richtung der Wind weht.

Wahrscheinlich hat alles mit solchen Strohhalmen angefangen; damals in Amerika, als die Gründerväter sich ein Procedere ausdachten, um ihre Präsidentschaftskandidaten auszuwählen. Zwar reist, wer Präsident werden will, heute nicht mehr per Kutsche über die windigen Straßen des Mittelwestens. Doch immer noch muss er oder sie tausende Kilometer durch verschlafene Kleinstädte tingeln, von Tankstelle zu Mehrzweckhalle, von Marktplatz zu Mall. Muss sich in Sandy’s Diner oder im Hinterzimmer von Danny’s Saloon über Intimitäten ausfragen lassen, viel schlechtes Essen hinunterschlucken, tapfer lächeln. Wenn alle Kandidaten genug geredet haben, wird abgestimmt. Per Handzeichen, per Stimmzettel, oder per Gruppendynamik: Wer von Rick überzeugt ist, stellt sich in eine Ecke des Raumes. Michelles Fans sammeln sich in der gegenüberliegenden Ecke. Am Ende zählt man durch.

Immer anachronistischer wirkte dieses Procedere, als das Fernsehen aufkam, die Werbebudgets wuchsen, die PR-Profis aufrüsteten und das Kampagnenmangement immer professioneller wurde. Doch seit das Fernsehzeitalter vorbei und das Internetzeitalter angebrochen ist, wirkt es plötzlich wieder taufrisch.

Vormoderne und postmoderne Gesellschaftsrituale haben nämlich überraschend viel gemeinsam. Etwa, was die Bedeutung direkter Kommunikation betrifft. In Pop und Literatur zählt, wie einst am Lagerfeuer, der Live-Auftritt mehr als die Konserve. Fans zahlen nicht mehr für die CD, aber fürs Konzert; nicht fürs Harcover-Buch, aber für die Lesung. Sie verlangen immer mehr physische Anwesenheit. Ähnliches gilt in der Arbeitswelt: Auch dort reicht es kaum noch, eine abstrakt messbare Leistung zu bringen. Ein Stück von der eigenen Persönlichkeit, Selbstdarstellung und Gefühl gehören stets zum Gesamtpaket.

Beruf und Leben, Arbeitsplatz und Familie, Öffentliches und Privates fließen ununterscheidbar ineinander – bei den vormodernen Bauern ebenso wie bei den postmodernen „neuen Selbstständigen“. Auch von Politikern wird immer heftiger eingefordert, genau so zu leben, wie sie predigen. „Authentizität“ heißt das Zauberwort, „echt“ muss man sein – oder zumindest glaubwürdig so tun, als ob. Sich mit Haut und Haar zur Disposition stellen, zum Angreifen da sein, und sich damit gleichzeitig angreifbar machen. So nah wie heute waren wir den Mächtigen seit Jahrhunderten nicht mehr.

Wie praktisch, dass wir uns gleichzeitig auf Techniken der Entscheidungsfindung rückbesinnen, die ebenfalls aus der Vormoderne direkt in die Gegenwart gebeamt wurden. Was man mag, was man nicht mag, gibt man offen per Handzeichen kund. Informationen machen per stiller Post die Runde.  Man sucht die körperliche Nähe Gleichgesinnter, und teilt im Zweifelsfall ihre Meinung. Stimmungen verstärken sich rasch: Wer viele Fans hat, dem wachsen mehr zu. Wer unten durch ist, wird erbarmungsloser geschmäht, als bei einer formalisierten, anonymen Wahl. Wenn alle in eine Ecke des Raumes strömen, braucht es Mut, als einziger in der gegenüberliegenden Ecke stehenzubleiben.

Ja, genau hier sind wir beim Problem der vor- und postmodernen Rituale. Aber das wussten wohl schon die amerikanischen Gründerväter.

 

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