Das Leistungsprinzip hält unsere Wirtschaft und Gesellschaft zusammen. Aber in der Krise hat es einen Knacks bekommen. Wir sollten gut drauf aufpassen.

Sibylle Hamann

Es gibt ein Wort, das im vergangenen Jahr oft in der Zeitung stand, und über das wir im kommenden Jahr noch ausführlich werden reden müssen. Das Wort ist wichtig. Es heißt „Leistung“.

Leistung spielt in unserem Leben eine entscheidende Rolle. Leistung lohnt sich: Auf diesem Prinzip basiert unsere gesamte Wirtschaftsordnung. Theoretisch. Denn das letzte Krisenjahr hat uns vorgeführt, dass irgendetwas nicht mehr stimmt. Dass der Konsens darüber, was „Leistung“ bedeutet, brüchig geworden ist. Oder gar das Prinzip selbst.

Zuerst kam, fast schon prophetisch, Walter Meischberger mit seinem „Wo war mei Leistung“. Er entblößte damit, was bis dahin zwar vermutet, aber selten so ungeniert ausgesprochen wurde: Dass KEINE Leistung unter manchen Umständen besser belohnt wird als Leistung. „Streng dich an, dann kriegst du mehr Geld aufs Konto“ ist eine mächtige Triebkraft für Fortschritt, Innovation und Wohlstand. Aber wenn der am meisten Geld aufs Konto kriegt, der sich am wenigsten anstrengt, ist bei allen anderen die Lust an der Leistung schlagartig dahin.

Dann kam die Finanzkrise, und mit ihr eine weitere Irritation. Normalerweise gilt ja: Setzt du auf Sicherheit, ist dein Risiko samt Profitchancen gering. Riskierst du viel, kannst du mehr gewinnen – aber auch mehr verlieren. So lautete der Deal, für alle. Nur für die Banken galt das plötzlich nicht mehr. Die durften erst Risikoprämien für riskante Investments kassieren, sich dann, als das Risiko schlagend wurde, von der Allgemeinheit helfen lassen, später den verantwortlichen Managern trotzdem Erfolgsboni ausschütten, und anschließend genauso weitermachen wie vorher. „Leistungsgerecht“ war das nicht. Und verletzte eines der Grundprinzipien am Markt: Dass nämlich jeder nach den gleichen Regeln spielt.

„Integration durch Leistung“ sagte dann Staatssekretär Sebastian Kurz. Was, einerseits, ein gewaltiger Fortschritt ist in einem Land, das bis heute dem Abstammungsfetischismus huldigt. Menschen danach zu beurteilen, was sie tun und was sie können, statt danach, wo sie herkommen und wie sie ausschauen, ist ein Perspektivwechsel, der längst überfällig war. Dennoch muss man auch hier zweifeln, ob die Rechnung aufgeht. Wieviel Leistung genau reicht denn, um als vollwertig anerkannt zu werden? Ist der Arbeitsschweiß einer Putzfrau Nachweis genug, oder muss erst ein Zahnchirurgendiplom oder ein Wechsel der Hautfarbe her? Und was, wenn die Leistung stimmt – aber die Mehrheitsgesellschaft dennoch den Respekt verweigert? Auch hier gilt: Beschworen wird es, das Leistungsprinzip. Aber auf seine Gültigkeit wetten – das empfiehlt sich eher nicht. Zumindest nicht für alle.

Jetzt, im neuen Jahr, geht es ans Sparen und an neue Steuern. Was wir bisher darüber gehört haben, lässt uns ebenfalls um das arme, schon recht zerrupfte  Wort „Leistung“ fürchten. Der geschützte Bereich hat sich längst eingebunkert, hinter Befestigungsanlagen verschanzt, und sorgt dafür, dass sich nichts, aber auch gar nichts Substanzielles in Österreich verändern wird. Zum Kürzen und Sparen bleibt dann nur der ungeschützte Bereich übrig. Den wird es dafür umso heftiger treffen.

Im ungeschützten Bereich geht es dem Leistungsprinzip übrigens, vergleichweise, noch am besten. Aber um Leistung geht es ja schon länger nicht mehr.

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