Es kommen viele Emotionen zusammen im Fall Estibaliz C. Dennoch kein  Grund, in der öffentlichen Diskussion alle Vernunft fahren zu lassen.

Sibylle Hamann

Okay, weder in Spitälern noch bei Behördern ist man sehr routiniert im Umgang mit mutmaßlichen Doppelmörderinnen, die Kinder zur Welt bringen. Übel nehmen kann man den Institutionen diese Unerfahrenheit nicht; schließlich möchte man ihnen nicht wünschen, mehr Gelegenheit zum Üben zu bekommen.

Doch der Fall Estibaliz C. weist über den Einzelfall hinaus. Gehört ein Kind immer zur Mutter? Was macht eine Mutter zur Mutter? Und um wessen Rechte geht es dabei eigentlich? In diesen Fragen ist in der erregten Debatte einiges durcheinandergeraten. Klauben wir das Knäuel aus Halbwahrheiten, Scheinheiligkeiten und Ideologie einmal auseinander.

Zunächst: Einer Frau ihr Neugeborenes unmittelbar nach der Geburt wegzunehmen, ohne dass sie die Chance gehabt hätte, es zu halten, anzugreifen oder auch nur ein einziges Mal anzuschauen, kommt dem Tatbestand der Folter ziemlich nahe. Die Frau mag zwei Morde gestanden haben – Folter rechtfertigt das nicht. Zumal sie wegen ihrer Verbrechen noch nicht einmal verurteilt ist.

Der Krankenanstaltenverbund sagt, das Neugeborene sei bloß weggebracht worden, um in einem anderen Spital „die bestmögliche medizinische Versorgung“ zu erhalten. Zu behaupten, es sei nach einem Kaiserschnitt notwendig oder normal, ein gesundes Baby sofort von seiner Mutter zu trennen, ist schlicht gelogen. Gleichzeitig sagt die Justiz, sie habe die Weisung zur Trennung erteilt, „weil die Sicherheit  des Kindes nicht gewährleistet werden konnte.“ Weil eine – neben dem Spitalsbett sitzende – Justizwachebeamtin nicht in der Lage wäre, eine an Infusionsschläuchen hängende Frau daran zu hindern, ihrem Baby etwas anzutun?

Noch schwindliger die dritte kursierende Variante: Man habe unbedingt das „Bonding“ zwischen Mutter und Kind verhindern müssen, um eine spätere Traumatisierung bei der Trennung zu vermeiden. Die Vorstellung vom Bonding als einem Moment, in dem es „Klick“ macht, ist eine längst überholte Idee aus den Fünfzigerjahren. Mütter, Väter, Adoptiv- und Pflegeeltern wissen, dass die Bindung zu einem Kind langsam wächst. Durch Nähe und Zeit.

Womit wir bei der Obsorgefrage wären. Denn dass man eine Frau, die in Haft sitzt, ihr Neugeborenes im Arm halten lässt, bedeutet selbstverständlich nicht, dass es mittelfristig bei ihr leben und aufwachsen soll. „Ein Kind gehört zur Mutter“ ist ein dummer Satz. Ein Kind gehört zu jenem Menschen, der es liebt und versorgt und sich kümmert – wer auch immer das sein mag. Wenn der leibliche Vater dafür zur Verfügung steht, und der Vater im Gegensatz zur Mutter nicht im Gefängnis sitzt – wunderbar.

„Ein Kind gehört zur Mutter“: Noch dümmer wird dieser Satz, wenn er primär aus der Dringlichkeit des Stillens abgeleitet wird. Dass der Nährwert der Muttermilch die Nachteile des Haftlebens ausgleichen könnte, vom Eingesperrtsein über die fremdbestimmten Sozialkontakte bis hin zum Mangel an vielfältigen Erfahrungen – auf diese Idee können nur esoterische Still-Fundis kommen.

Der kleine Roland hat es schwer genug. Was er brauchen wird, ist dasselbe, was alle Kinder brauchen: Eine stabile, verantwortungsvolle Bezugsperson, bei der er lebt. Ein möglichst normales, verlässliches soziales Umfeld. Ehrlichkeit über seine Herkunft. Regelmäßigen, möglichst entspannten Kontakt zum zweiten Elternteil; wenn notwendig, unter Aufsicht und mit psychologischer Begleitung.

Und möglichst wenig öffentliche Aufmerksamkeit. Mach’s gut, Roland.

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