Was Frauen dazu treibt, sich skrupellosen Massenmördern hinzugeben. Wie sie dabei selbst zu Mörderinnen werden. Oder sich für ihn opfern.

Über das Buch „DIe Frauen der Diktatoren“

Wenige Frauen legen es von klein auf drauf an, Diktatorinnen zu werden. Um ganz nach oben zu kommen, um ein Land nach dem eigenen Willen zu formen, und einem Volk ihren Willen aufzuzwingen, müssen Frauen mit diktatorischen Ambitionen normalerweise einen Umweg nehmen – über den Mann. Sie verführen den Diktator, oder lassen sich von ihm verführen. Sie testen an seiner Seite (oder gleich mit ihm als Versuchsobjekt) ihr Talent zur Manipulation. Sie versuchen, wie süß die Allmacht schmeckt. Manchen gelingt dann, in seinem Windschatten oder in seiner Nachfolge, die Übernahme der Macht. Andere gehen mit ihm in den Tod.

Wie auch immer ihre Geschichte ausgeht – „Die Frauen der Diktatoren“, wie ein neuer französischer Bestseller heißt, sind ein lohnendes, spannendes Forschungsobjekt. An ihrem persönlichen Beispiel kann man analysieren, wie sich politischer Herrschaftsdrang auf Beziehungen, Liebe und auf Sex auswirkt, und wie weit das eine mit dem anderen zu tun hat. Die Fernsehjournalistin Diane Ducret hat sich eine Tour de Force quer durch die Jahrhunderte und Kontinente vorgenommen, um dieser Verbindung nachzuspüren. Das Ergebnis ist dramatisch, lebensprall und oft überraschend.

Benito Mussolini, Lenin, Stalin, Antonio Salazar, Bokassa, Mao Zedong, Nicolae Ceausescu und Adolf Hitler – sie alle werdern in diesem Buch auf ihr Liebesleben abgeklopft. Detailliert, beinahe wie in nachgestellten in Filmszenen, ziehen die entscheidenen Momente ihrer Beziehungsgeschichte vorbei: Als sie ihren jeweiligen Jugendlieben begegneten. Als sie ihren Partnerinnen Versprechen gaben, um sie an sich zu binden. Die vielen Situationen, in denen sie sich entscheiden mussten – zwischen privater Loyalität und herrschaftspolitischem Kalkül. Und die mindestens ebenso vielen, in denen sie von ihren jeweiligen Ehefrauen, Geliebten, Mätressen oder mütterlichen Fürsorgerinnen belogen, ausgenützt, manipuliert, ausgetrickst oder betrogen wurden.

Manchmal bleibt in so einem Panorama die Frau als die eigentlich handelnde Person übrig, und der Mann verschwindet beinahe aus dem Fokus (wie bei den Ceaucescus, oder beim jungen Lenin). In anderen Fällen (bei Mao oder Mussolini) werden die Frauen hingegen benützt, verbraucht, ausgequetscht, und werden, sobald sie ihren jeweiligen Nutzen erfüllt haben, einfach entsorgt. Der Machthaber schreitet forsch voran, Beziehungsleichen säumen seinen Weg.

In jedem Fall gilt: Der Frauengeschmack eines Diktators verrät einiges über seinen Charakter und seine Herrschaftstechnik. Oder, wie Adolf Hitler es selbst formulierte: „Die Frau spielt im Leben eines Mannes doch eine größere Rolle, als man geneigt ist anzuerkennen.“

Um gleich bei Hitler zu bleiben: Wie sehr der Führer vor und nach seiner Machtübernahme von ihm völlig fremden Frauen umschwärmt wurde, wie viele Liebesbriefe in der Reichskanzlei eingingen, samt Angeboten, seine Kinder auszutragen, ist eine Geschichte, an die man in Österreich und Deutschland nicht so gern erinnert wird. Ducret zitiert ausführlich aus diesen Liebesschwüren, quasi als Einstimmung ins Thema. Umso beklemmender ist schließlich die emotionale Kälte, die in Hitlers Nähe tatsächlich geherrscht haben muss.

Die zwei Frauen in seinem Leben waren seine Nichte Geli Raubal und Eva Braun. Zwei junge Mädchen, die schöne Frisuren und schöne Schuhe mochten und gerne tanzten. Die jahrelang versuchten, ihrem geliebten Adolf Beweise seiner Zuneigung abzuringen, und dabei kläglich scheiterten. Das ultimative Druckmittel in ihrer Hand war der Selbstmord (Raubal) und der Selbstmordveruch (Braun). Doch es half alles nichts. Wahre Leidenschaft konnten bei Hitler nur ferne Frauen wecken, die nichts von ihm wollten. Oder die abstrakte „Masse des Volkes“, der er sich mit umso größerer Leidenschaft hingab.

Mao ließ die konkreten, lebenden Frauen da schon deutlich näher an sich heran. Auch der chinesische Revolutionsführer wurde von weiblichen Fans umlagert, und je älter er wurde, desto lieber griff er sich dabei möglichst arme, junge, unerfahrene Mädchen heraus. Die würden bei der Begegnung mit dem Messias keine allzu hohen Ansprüche stellen und, den Sex betreffend, über keine vergleichenden Erfahrungswerte verfüngen. Mit gutem Grund: Denn Mao quälte nicht nur panische Angst vor Impotenz. Er verweigerte gleichzeitig jede Körperhygiene und rühmte sich damit, sich „in seinen Frauen zu waschen.“ Jiang Qing, seine machtbewusste, durchtriebene Ehefrau, bildete zu dieser Mädchenriege jahrelang das Kontrastprogramm. Mit raffinierten Schachzügen setzte sie alles daran, in China selbst die Macht an sich zu reißen. Was sie schließlich mit einem Schauprozess, einer landesweiten Verfemungskampagne und der Hinrichtung büßte.

Macht und Sex – das Thema ist verführerisch. Es liegt nahe, in den einzelnen Beziehungsbiographien der Diktatoren nach gemeinsamen Merkmalen zu suchen. Schließlich geht es in einem traditionellen patriarchalen Koordinatensystem, Länder und Frauen betreffend, stets um Eroberungen. Darum, sich eine Person oder ein Volk gefügig zu machen, nach dem eigenen Willen zu formen, zu besitzen; wenn nötig auch mit Gewalt. Hier wäre viel Platz fürs Theoretisieren gewesen. Dass die Autorin das bleiben lässt, ist ihr hoch anzurechnen.

Denn die Geschichten stehen für sich. Und die zentrale Botschaft versteht man auch so: Es gibt Menschen, für die Unterwerfung wichtiger ist als Beziehung, und Macht geiler ist als Sex. Tragisch, dass genau diese Menschen auf ihrem Weg nach oben so oft die erfolgreicheren sind.

 

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