Man kennt doppelflügelige Schwingtüren aus Cowboyfilmen. Um im Wilden Westen stilecht einen Saloon zu betreten, genügte wahrscheinlich ein lässiger Schlag aus dem Ellbogengelenk. Oder, spektakulärer, ein gezielter Tritt mit der dreckigen Stiefelspitze.

Auch die Eden-Bar hat eine doppelflügelige Schwingtür. Doch die funktioniert anders. Hat man dem Garderobier im kleinen Foyer erst einmal seinen Mantel in die Hand gedrückt und nähert sich der Tür, öffnet sie sich von selbst, wie von Geisterhand. Nein, da ist keine Lichtschranke. Kein elektrischer Automatismus. Ein livrierter Ober hält den linken Flügel, ein zweiter livrierter Ober den rechten. Guten Abend, gnädige Frau. Man fühlt sich unendlich wichtig, unendlich geschmeichelt in diesem Moment.

Die Eden-Bar ist ein seltsamer Ort. Liliengasse 2, gleich hinter dem Stephansdom: jeder Taxifahrer findet ihn. Beinahe jeder Wiener kennt ihn zumindest dem Namen nach. Aber was genau diesen Ort besonders macht – da hat wohl jeder andere Bilder im Kopf. Ist „die Eden“ besonders anrüchig? Besonders elitär? Besonders vorgestrig? Besonders vulgär? Besonders versnobt? Besonders peinlich?

Die Eckdaten: Schummriges Licht, viel Plüsch, gewebte Tapeten, bordeauxrot. Links die Kaiserin Sisi in Gips, rechts der Kaiser Franz Joseph, ein Scherzbold hat ihm einen Zigarrenstummel in den Mund gesteckt. 14 Angestellte, von denen alle seit Jahren, einige seit Jahrzehnten hier arbeiten – 5 im Service, der Garderobier, die Klofrau, sieben Musiker. Platz für 150 Leute; wenn mehr sind, wird’s eng. Sitznischen, in denen man gesehen wird, wenn man nicht gesehen werden will, und umgekehrt. Durchgehend Live-Musik der Marke „Strangers in the Night“. Longdrinks, Sekt ab 80, Champagner ab 170 Euro die Flasche. Weißer Spritzer steht nicht auf der Karte. Für den Hunger gibts Erdnüsse (gratis), Spezialtoast oder Würstl (7 Euro). Geöffnet Dienstag bis Samstag, 22.00 bis 4.00 früh.

Irgendetwas muss an diesem Ort dran sein, das Menschen wie Helmut Elsner anzieht. Das ihnen Zuflucht und diskretes Vergnügen verspricht, gerade noch harmlos genug, um nicht als Sünde durchzugehen. „Ich trank nur ein Glas Wasser und habe mit dem Fuß bloß ein bisschen mitgewippt“, rechtfertigte sich der wegen verurteilte Bankdirektor, nachdem mit dem Handy geschossene Schnappschüsse ihn beim Tanzen zeigten. Offenbar ist dieser Ort auch ein bisschen gefährlich. Verleitet dazu, über die Stränge zu schlagen, und nachher zu bereuen. Zumal, wenn man eigentlich im Gefängnis sitzen müsste und nur aus Gesundheitsgründen für haftunfähig erklärt wurde.

Aber wir reden nicht über Helmut Elsner. Das haben wir Michaela Schimanko versprochen. Wir reden über alles andere.

Michaela Schimanko, Chefin der Eden-Bar, sitzt in einer der plüschigen Nischen und raucht. Fester Händedruck, direkter Blick, tiefe, raue Stimme. Ein Hosenanzug mit Nadelstreif, Perlen der edlen, aber nicht ganz braven Sorte, eine leuchtendrote Brille. Die prächtigen dunklen Locken hat sie heute hochgesteckt. Den Nachnamen ihres Vaters, des legendären Nachtclubkönigs Heinz Werner Schimanko, trägt sie mit Stolz.

Nein, an dieser Frau ist nichts Halbseidenes. Hier sitzt eine geerdete Geschäftsfrau, Leiterin eines Familienbetriebs, der sich von anderen mittelständischen Unternehmen nur durch die unorthodoxen Arbeitszeiten unterscheidet. Abends bringt sie die Kinder ins Bett, dann geht sie in die Bar, um sechs Uhr früh geht sie schlafen. Bis mittags die Kinder aus der Schule kommen. Die Buchhaltung macht sie nachts zwischendurch, in der „Eden“-Küche, neben dem Kühlschrank mit den Champagnerflaschen steht ein Tischerl mit ihrem Laptop. Dass an dieser Art Leben ewas ungewöhnliches wäre – auf diese Idee kommt sie gar nicht.  „Ich kenn schließlich nicht anderes. Daheim, mit meinem Vater, wars genauso. Da hab ich schon als Achtjährige auf dem Küchentisch die Rechnungen aus den Nachtclubs sortiert.“

Es ist erst halb elf, die Schwingtür wird geöffnet, die Chefin begrüßt persönlich. Jeden. Jede Nacht. Auch Michaela Schimanko weiß um den Zauber dieses Moments, in dem man den Alltag abstreift und die Türflügel aufgehen. Sie nennt es „Schleuse“. „An dieser Tür wird jeder gleich behandelt“, sagt sie, „Jeder, der sich benimmt, darf rein.“ Und wer drin ist, bekommt eine kleine Hoffnung eingepflanzt: Irgendwann ein bisschen dazuzugehören. Beim zweiten, dritten Besuch mit einem wissenden Nicken erkannt zu werden. Vom Ober wortlos das Lieblingsgetränk hingestellt zu bekommen (sie führen hinter der Bar kleine Büchlein, in denen sie Notizen machen). Und irgendwann vielleicht sogar draußen zu hängen, in einem der sieben Schaukästen, ein Sektglas in der Hand, lächelnd, einen Arm um eine fremde Schulter gewickelt, mit Stecknadeln angepinnt und handschriftlich mit Namen versehen; wenn auch orthografisch nicht immer ganz richtig.

Die über die Liliengasse hinaus berühmten Fotos werden vom Ober geknipst und vom Garderobier mit einem kleinen Farbdrucker ausgedruckt. Man könnte in ihnen ein analoges Ur-Facebook erkennen. Es geht ums Mitteilen, dass man da war. Darum, zu zeigen, wie viel Spaß man hatte. Mit einem entscheidenden Unterschied: Dass man die „Eden“-Bilder nicht, in unbegrenzter Zahl, selbst in die Öffentlichkeit werfen kann. Der Platz in den Schaukästen ist begrenzt, die Chefin trifft jeden Monat die Auswahl. Oja, lächelt sie breit, selbstverständlich komme es vor, dass interveniert wird.

Worum geht es also an diesem Ort? Ums Dazugehören? Um subtile Signale der Ein-, Aus- und Abgrenzung? Kann man in der Eden etwas darüber lernen, wie die Wiener Society funktioniert – oder gar die österreichische Gesellschaft?

Historisch gesehen ganz sicher. 1911 im Stil des Secessionismus erbaut, beherberte das Haus in den Jahren der k.u.k.- Monarchie ein Offizierscasino. Es bot Zuflucht für junge Männer aus gutem Haus, die weit weg von daheim waren, in Wien keine standesgemäße Wohnung hatten und sich langweilten. Nach dem Krieg wurde das Etablissement von Emmy Stein gekauft, einer stadtbekannten Soubrette am Theater an der Wien. Sie gab der „Eden“ ihren Namen und machte sie in den Zwanzigerjahren zum glamourösen Künstlertreff.

Der Rest ist österreichische Zeitgeschichte. Wirstschaftskrise und Ständestaat setzten der Party ein Ende, und Emmy Stein geriet nach dem Anschluss ins Visier der Gestapo. Nicht nur, weil sie einen jüdischen Geliebten und jüdische Angestellte hatte, sondern auch weil den „Feinsender“ Radio London hörte. 1942 wurde die 62jährige verhaftet und ins Zuchthaus gesteckt. Während sich ein Kellner aus einem Praterwirtshaus, Nazi der ersten Stunde, der zum Gastronomie-Funktionär in der Deutschen Arbeitsfront aufgestiegen war, die Bar unter den Nagel riss und zur Suppenküche machte. Um Rückgabe musste die alte, im Kerker fast erblindete Frau, erst prozessieren.

Auch das Wirtschaftswunder der Sechzigerjahre, samt Vergangenheitsverdrängung, Verhaberung und Korruption im Obrigkeitsstaat, fand in der „Eden“ statt. „Der Papa wird’s schon richten“, von Gerhard Bronner und Helmut Qualtinger, war der Soundtrack zu dieser Ära (siehe Randspalte). Die Geschichte, die dieses Couplet erzählt, ist wirklich passiert. Felix Hurdes, Mitbegründer der ÖVP, Ex-Minister und Nationalratspräsident, hatte versucht, einen Verkehrsunfall seines Sohnes zu vertuschen, indem er die Polizei unter Druck setzte. Auch diese Affäre hatte eine österreichische Pointe: Qualtinger und Bronner bekanmen in der „Eden“ Lokalverbot – „nur zur Sicherheit, damit sich die anderen Gäste nicht aufregen.“

Es gab jedoch einen, dem der Papa nichts gerichtet hatte. Ein Kind aus kleinen Verhältnissen, geboren im letzten Kriegsjahr, als auf Wien die Bomben fielen; der Vater war Offizier bei der Waffen-SS, die Mutter Hausmeisterin im Gemeindebau, mit Roma-Wurzeln. Heinz Werner Schimanko, der die Eden 1974 kaufte, verkörperte die sozialen Aufstiege, die in den österreichischen Siebzigerjahren möglich waren. Getrieben vom festen Willen, den Gemeindebau hinter sich zu lassen und es allen zu zeigen. Wenn er seiner Mutter den Mallorca-Urlaub spendierte, ließ er sie stets mit dem Rolls Royce abholen.

Die Tochter lächelt nachsichtig bei diesen Geschichten. Viel Legende sei da dabei, sagt sie. Ihr Vater hatte sich längst einen Smart gekauft – einen der ersten von Wien – und fuhr damit zu seinen Terminen, während der Rolls noch demonstrativ auf dem Gehsteig vor der Eden stand. Auch was Zuhälterimage betrifft, stellt sich Schimanko schützend vor ihren Vater. „Er hat Frauen niemals ausgebeutet“, sagt sie, „und er hat alle seine Animierlokale abgegeben, als meine Mutter starb. Sie passten eh nicht mehr in die Zeit.“

Womit sich an der Eden wohl auch der Wandel der Geschlechterverhältnisse ablesen lässt. Als der Adabei noch Roman Schliesser hieß und die Prominenten Vico Torriani oder  Franz Antel, waren Nachtbars ein Ort für Männer. Für Chefs, die eine Sekretärin mit Sekt abfüllten und anschließend ins Hotel Orient abschleppten (ebenfalls Teil des Schimanko-Imperiums). Für Geschäftsleute, die einen Deal begießen oder einen Misserfolg wegtrinken wollten. Frauen kamen in diesem traditionellen Drehbuch in wenigen klar definierten Rollen vor: Als langweilige Ehefrau, die man zu Hause warten ließ. Als Künstlerin oder Muse, die die Phantasie anregte. Als resolute, verständisvolle Wirtin,  quasi als Mutter-Ersatz. Oder als käufliche Prostituierte.

Bloß als zahlende Konsumentinnen gab es sie nicht. Auch in der Eden war bis Mitte der 70er Jahre Frauen ohne männliche Begleitung der Zutritt in die Eden verwehrt. Bis Maya Schomburg, Besitzerin eines Modesalons, diese Regel wutschnaubend ad absurdum führte: Als sie an der Schwingtür freundlich, aber bestimmt abgewiesen wurde, ging sie schnurstracks ins „Moulin Rouge“ und schleppte den Chef höchstpersönlich als Begleitung her.

Vieles an diesen gesellschaftlichen Koordinaten hat sich verändert, seit Michaela Schimanko Herrin der „Eden“ ist. Und unmerklich ist die Bar, samt Franz Joseph und Sisi in Gips, mitgegangen. Die Arbeitswelt funktioniert nach neuen Gesetzen. Gab es früher einen Wochenrhythmus mit berechenbaren Ritualen, unterscheidet sich heute ein Mittwoch kaum noch von einem Samstag. Und kaum ein Chef kann es sich noch leisten, um 11 Uhr verkatert im Büro aufzutauchen.

Schließlich ist die Eden, samt ihren Schaukästen, ein Lehrstück darüber, wie Prominenz funktioniert – und wie sich auch hier die Spielregeln verändert haben. „Prominenz ist kein verschworener Club mehr, in dem man sich per Augenzwinkern verständigt“, sagt Martin R. Niederauer, Pressesprecher der Bar, der gemeinsam mit dem „Seitenblicke“-Redakteur Christian Reichhold ein Buch über die Eden geschrieben hat (siehe Kasten). Die kleine Indiskretion, das gezielt gestreute Gerücht –  all das ist heute fast immer Teil einer großen, von vorn bis hintern gescripteten PR-Maschine. Während umgekehrt, wie der Fall Elsner gezeigt hat, niemand mehr ernsthaft Diskretion versprechen kann, wenn jeder Gast ein Fotohandy in der Tasche hat.

Aber wir wollen ja nicht über Elsner reden. Die „Eden“ im März 2012 ist kein jenseitiger Ort, sondern eine Tanzbar, die in keinem Touristenführer aktiv beworben wird. Mit Mobiliar aus den Achtzigerjahren; freundlichem, aber niemals unterwürfigem Personal; treuen Gästen, die zum Teil schon in dritter, vierter Generation kommen; und einer Chefin, die mit beiden Beinen im Diesseits steht. Für Männer, die ihr Sakko vergessen haben, gibt es Leih-Sakkos an der Garderobe. Für Frauen, die mit Tanzmuffeln oder allein unterwegs sind, gibt es Taxi-Tänzer. Seit Dancing Stars ist die Nachfrage spürbar gestiegen.

Ansonsten ist die Eden, was sie immer war: ein klassisches Absackerlokal. Wo man hingeht, wenn man schon irgendwas hinter sich hat. Wenn man nicht recht weiß, ob der Abend schon zu Ende ist. Wenn man ein bisschen sündigen will. Oder wenn eh schon alles wurscht ist.

Die Schwingtür geht auf, öffnet sich in den dämmrigen Zwischenraum, die „Schleuse“, und Michaela Schimanko geht zum Luftschnappen hinaus in die Liliengasse. Es ist Mitternacht. Jede Nacht ist anders. Aber diese geht gerade erst los.

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