Der große Intellektuelle Tony Judt war sein Leben lang auf der Suche. Als eine Krankheit ihn in seinem Körper einsperrte, zog er Bilanz – sehr persönlich, sehr klug, sehr zart.

Rezension: Sibylle Hamann

Man muss sich das vorzustellen versuchen: Langsam kriecht die Krankheit durch den Körper und legt einen Teil nach dem anderen still. Erst einzelne Finger, dann die Beine und Arme, später auch die innere Muskulatur, die Verdauung und Atmung steuert. Langsam verliert man jede Empfindung. Es tut nicht weh. Der Verstand bleibt die ganze Zeit über hellwach. So als wolle er dem Körper bei der fortschreitenden Erstarrung zuschauen,  sie analysieren, kommentieren, bis zuletzt.

Tony Judt, einer der großen Intellektuellen unserer Zeit, hat in den Jahren vor seinem Tod genau das erlebt. „Ich kann mich nicht kratzen, meine Brille nicht zurechtrücken, Speisereste zwischen den Zähnen nicht entfernen oder all die anderen Dinge.“ Er kann nicht mehr lesen, nicht mehr schreiben, er kann bloß noch denken. Nachts wird er in sein Bett gelegt „und mit Kissen und zusammengelegten Handtüchern in einer halb aufrechten Position von etwa 110 Grad festgekeilt…. und dann liege ich da, eingepackt, kurzsichtig und reglos wie eine moderne Mumie, allein in meinem Körpergefängnis, und nur meine Gedanken begleiten mich durch die Nacht.“

Sein Leben lang war Tony Judt ein Mann der Wörter. Nachlässigkeit im Ausdruck verrät Nachlässigkeit im Denken, schreibt er; konfuse Wörter verraten konfuses Denken, „im Schlimmsten Fall Hochstapelei“. Richtig eingesetzt jedoch, sind Wörter Instrumente, um Ereignisse einzuordnen und um Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden; manchmal können sie sogar Gespenster verscheuchen und Ängste bannen. Und so klammerte sich dieser gequälte Mann denn an die Wörter, um in seinen schlaflosen, endlosen, nur vom Babyphon bewachten Nächten nicht verrückt zu werden. Nacht für Nacht schritt er in Gedanken eine Kammer seiner Lebenserinnerungen ab, speicherte sie, und diktierte sie am nächsten Morgen. Denn, o Wunder, sein Kehlkopf und seine Stimmbänder waren die allerletzten Organe, die noch funktionierten.

Das Ergebnis ist zauberhaft. Schlicht, schnörkellos, direkt, und wenn sich hier und dort kleine Sentimentalitäten einschleichen, dann sind sie von zarter Selbstironie gebändigt. In einzelnen, in sich geschlossenen Kapiteln erzählt Judt von seiner Kindheit im Londoner Arbeiterviertel Putney, von seiner zionistischen Phase („Israel kam mir wie ein Gefängnis vor und der Kibbuz wie eine überfüllte Zelle“), den Jahren im Elite-Internat, von seinen nächtlichen Ausflügen mit der Eisenbahn („ich saß stundenlang in den zugigen Wartehallen, lauschte den rangierenden Lokomotiven, dem Beladen der Postwaggons, genoss einen Becher Kakao und mein einzelgängerisches Vergnügen“), und vom Gefilte Fisch bei seinen Großeltern. Man merkt: Hier spricht ein Mann, den die akademische Karriere nicht vom Alltag entfremdet hat. Der trotz all seiner Bildung das Riechen, Fühlen und Schmecken nicht verlernt hat.

Was ihn zum Intellektuellen macht, ist, dass er aus dem Kleinen stets das Große herauszulesen vermag: Im Fahrplan der Londoner Expressbusse erkennt er den stadtplanerische Idee der Metropole; in der exzentrischen Autowahl seines Vaters (es musste, sein Leben lang, unbedingt ein Citroen sein) erkennt er dessen Einwanderergeschichte („instinktiv suchte er etwas Kontinentaleuropäisches“, und Firmengründer Andre Citroen war Jude). In einer präpotenten Bemerkung eines Studienkollegen an der Pariser Ecole Normale Superieure erkennt er die ganze brilliante Beschränktheit der französischen Elite.

1968 war Tony zwanzig, und klar war er dabei. Denn „wie viele meiner Altersgenossen war ich in meinem Nonkonformismus durchaus konformistisch“. Als Aufsteiger aus der Arbeiterklasse fehlte ihm allerdings die revolutionäre Inbrunst der Großbürgerkinder, und als ehemaliger Zionist, der die Enge der Kibbuzim als schrecklich erlebt hatte, konnte er mit kollektivistischen Kommunenträumen nichts anfangen. Eine Demonstration schildert er so: „Wir umringten den Wagen (von Außenminister Healey), und ein Freund von mir, inzwischen verheiratet mit der EU-Außenbeauftragten, sprang auf die Kühlerhaube und trommelte wütend an die Windschutzscheibe.  Erst als Healey in hohem Tempo davonfuhr, wurde uns klar, wie spät es war – in wenigen Minuten würde im College das Abendessen beginnen, und wir wollten nicht zu spät kommen.“ Damit ist über die Achtundsechziger eigentlich alles gesagt, was es zu sagen gibt, oder?

Nein, nicht ganz. Doch den größten, schwersten Fehler der Achtundsechziger erkannte auch Judt erst mit einiger Verspätung: Dass sie, während sie über Kuba und Trotzki und Mao diskutierten, blind waren für das, was jenseits des Eisernen Vorhangs in Europa passierte. Den Prager Frühling, die Dissidenten. „Warum bin ich damals nicht nach Prag gefahren, fraglos der spannendste Ort im damaligen Europa? Oder nach Warschau, wo meine Altersgenossen für ihre Ideen und Ideale Ausbürgerung, Exil und Gefängnis riskierten?“ „In unsere Augen waren wir eine revolutionäre Generation. Dumm nur, dass wir die Revolution verpasst haben.“

Anders als die meisten anderen zog Judt aus dieser Erkenntnis ein Konequenz. Statt seine Midlife Crisis mit einem neuen Auto, einem neuen Hobby oder einer neuen Frau zu bekämpfen, warf er sich auf neues, ihm bis dahin unbekanntes akademisches Territorium. Lernte tschechisch (weil er sich von „Zweifel, kultureller Unsicherheit und skeptischer Selbstironie“ angezogen fühlte), entdeckte die osteuropäische Literatur, schloss neue Freundschaften, stand 1989 auf dem Prager Wenzelsplatz, und wurde Chronist des neuen, größeren Europa.

„Schweigen ist mir immer schwergefallen“, schreibt Tony Judt. Am 6. August 2010, seinem Todestag, war es dann doch soweit.

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