„Nichts tun geht nicht“, sagte Erna Kaspar, als sie Pension ging, und wurde Lesepatin an einer Wiener Volksschule. Warum? Was macht das mit den Kindern? Und was macht es mit ihr?

Ein Portrait

Wer knetet den Teig für das Brot? Der Bäcker. Wer macht Späße, damit wir lachen? Der Clown. Wer macht uns gesund? Die Ärztin. Und wer besucht Feste und andere bedeutende Ereignisse und berichtet darüber? Schaut euch um Kinder, da sitzt eine. Die Reporterin.

Julia und Memet müssen Arbeitsblätter ausfüllen. Es geht um Erwachsene und ihre Berufe. Aber wenn es bloß immer so einfach wäre wie beim Bäcker und beim Clown. Sandra D., heißt es im Lesebuch der vierten Klasse,  ist gelernte Floristin. Aber sie wurde umgeschult zur  Bürokauffrau. Jetzt arbeitet sie in einem Speditionsunternehmen. Sie kümmert sich dort um den Schriftverkehr und koordiniert die Fahrten der LKWs. Wolfgang S. war Tischler bei einem Küchenhersteller, doch die Firma musste Konkurs anmelden. Es gab Entlassungen, er bekam Arbeitslosengeld. Jetzt steht er einer Zeitarbeitsfirma zur Verfügung.

Bei solchen Berufsbiographien wird die Sache schon schweiriger. Was ist hier die „Berufsbezeichnung“, was ist die „Ausbildung“, und was die „Tätigkeit“? Julia kaut an dem Buntstift, mit dem sie die richtigen Wörter im Text anzeichnen soll. Memet hat die Sätze aus dem Buch vorgelesen, es ging nicht sehr schnell, aber es ging. Vor den beiden, zwischen dem „Hello-Kitty“- Federpenal, den angeknabberte Buntstiften und den Tintenkillern, liegt jetzt auch ein ganzer Haufen Wortgestrüpp.

Was ist eine Umschulung, was ist ein Schriftverkehr? Hat Schriftverkehr etwas mit LKW-Verkehr zu tun? Was heißt koordinieren, was heißt Verfügung? Was „Arbeitslosengeld“ bedeutet, verstehen die beiden. Memet kennt sogar das Wort „Konkurs“.  „Das ist wie beim Spielwarengeschäft, wo ich mit dem Papa vorbeigegangen bin, das hat zugesperrt, und dann war dort ein Zettel an der Tür.“

Zwischen Julia und Memet sitzt Erna, Erna mit dem grasgrünen T-Shirt. Erna ist keine Lehrerin, sondern eine pensionierte Verwaltungskraft der Akademie der Bildenden Künste. Sie ist nicht hier, weil sie muss, sondern weil sie will. Jeden Freitag zwischen neun und elf ist sie Lesepatin, und soll helfen, Schneisen ins Gestrüpp zu schlagen. „Manchmal staune ich selber, was die Zehnjährige heutzutage alles verstehen müssen“, sagt sie. „Hut ab.“

Frau Kaspar war lang nicht mehr in einer Schule. Genaugenommen seit ihrem Schulabschluss im Jahr 1968. Kinder und Enkelkinder hat sie keine, und auch sonst gabs für einen Schulbesuch in den vergangenen Jahrzehnten keinen Grund und keine Gelegenheit. Es ist vieles so anders, heute in Wien, als damals, in den Fünfzigerjahren im kleinen niederösterreichischen Dorf Gallbrunn, in der einklassigen Volksschule, die die kleine Erna besuchte. „Ich weiß nur noch, wie wir rot-weiß-rote Fahnen gemalt und Topflappen gehäkelt haben. Sonst erinnere ich ich an gar nichts mehr. Interessant wird’s also nicht gewesen sein. Oder so traumatisch, dass ich’s verdrängt hab“, sagt sie. Die Volksschule in Gallbrunn gibt es übrigens längst nicht mehr. Aber dass altersübergreifende Mehrstufenklassen, damals am Land eine Notlösung, heute in städtischen Volksschulen der letzte Schrei in der modernen Pädagogik sind, ist eine ironische Pointe, die Frau Kaspar sehr gefällt.

Dass sich die 61-Jährige der Volksschule nach 51 Jahren noch einmal freiwillig aussetzt, dem Geruch nach Kreide und Turnpatschen und matschigen Jausenbroten, den viel zu niedrigen Kindersesseln und den angenagten Buntstiften  – das hat mit PISA zu tun, und jenem Ereignis, das als „PISA-Schock“ in die Annalen der österreichischen Bildungspolitik einging. 2009 wurde die Lesefähigkeit der heimischen Schülerinnen und Schüler getestet und international verglichen – mit dem Ergebnis, dass nur drei Nationen noch schlechter abschnitten, und 28% der österreichischen Kids als „Risikoschüler“ gelten. Was heißt: dass sie am Ende der Pflichtschulzeit „nur unzureichend sinnerfassend lesen können.“

Seit diesem Schock gibt es in Wien 695 ehrenamtliche Lesepaten wie Erna Kaspar. Die überwiegend Lesepatinnen sind.

Lesen, darüber besteht Konsens, ist die Basis für alles andere im Bildungssystem. Man muss lesen können, um Aufgaben in anderen Fächern zu verstehen, sich Bücher zu erschließen, Informationen anzueignen. Je früher eine Leseschwäche erkannt wird, desto besser also. Was jedoch ist eine „Leseschwäche“?

Das sei gar nicht so leicht zu erklären, sagt die Klassenlehrerin von Memet und Julia. Mit „fremder Muttersprache“ oder „mangelnden Deutschkenntnissen“ – wie es in der Öffentlichkeit oft dargestellt wird – habe es jedenfalls nichts zu tun. „Beim Lesen kommt alles zusammen – man muss sich konzentrieren, Informationen zusammensetzen, verknüpfen, logisch denken“, erklärt die junge Lehrerin. „Es gibt Kinder, die langsam lesen, aber gut verstehen. Es gibt Kinder, die einzelne Wörter nicht kennen, aber den Sinn der Aufgabe erfassen, nachfragen, erkennen, was wichtig ist und sich eine Meinung bilden.“ Solche Kinder brauchen Erna nicht.

Die Klassenlehrerin hat für die Lesepatin Memet, Yasmin und die Zwillinge Julia und Lukas ausgesucht, weil diese vier persönliche Nähe brauchen. Hilfe beim Fokussieren. Jemanden, der neben ihnen sitzt, und ihnen hilft dranzubleiben, ehe sie sich in den Buchstaben verlieren und verirren, und die Gedanken wegdriften, irgendwohin.

Erna Kaspar ist nämlich eine, die bei der Sache bleibt. 41 Jahre lang arbeitete sie für denselben Arbeitgeber. Zu Anfang ihrer Laufbahn hieß ihr Job „Sekretärin“. Am Ende hieß er „Leiterin der Studien- und Prüfungsabteilung“. Zu ihren Aufgaben zählte die Aufnahme der Studierenden, die Verwaltung ihrer Noten, Zeugnisse und Abschlüsse.

Wenn man mehrere Jahrzehnte mit Künstlerin und Künstlerinnen zu tun hat, ziehen die unterschiedlichsten Leute an einem vorbei.  Verschrobene und ambitionierte, eitle und schwierige, Stars und verkannte Genies – sie alle standen irgendwann vor ihrem Schreibtisch und brauchten, wollten etwas von ihr, ein Formular, eine Unterschrift, eine Telefonnummer, einen Termin. Kaspar hat von ihrem Schreibtisch aus die Universtitätsreform der Siebziger Jahre samt aller Verwerfungen hautnah miterlebt, ebenso wie alle Kunstmoden der vergangenen Jahrzehnte. Plischke und Rainer, Brauer und Hundertwasser, Schlegel, Kogler bis hin zu Daniel Richter – Erna Kaspar könnte, wenn sie wollte, Namedropping betreiben und Anekdoten erzählen. Aber so eine ist sie nicht. „Es hat mir nicht immer jede Kunst gefallen“, sagt sie. „Aber dieses Urteil steht mir nicht zu. Wenn man an einem solchen Ort arbeitet,  muss man wissen, wo man hingehört.“

Auch über die vier Kinder, die seit nunmehr zwei Jahren jeden Freitag neben ihr sitzen, weiß sie mittlerweile einiges. Sie kriegt mit, wenn sie nervös oder hungrig sind, wenn sie schlecht geschlafen oder geweint haben, oder wenn sie am Vortag zu lang vor dem Fernseher gesessen sind.

Aber auch da wahrt Kaspar Distanz. „Ich hab die Kinder nie gefragt, wo sie herkommen, ob ihre Eltern verheiratet oder geschieden sind, wie sie wohnen, was sie arbeiten, das geht mich nichts an“, sagt sie. Aber sei sie denn gar nicht neugierig, ein bisschen zumindest? Und seien solche Informationen denn nicht hilfreich, um zu verstehen, was in den Kindern vorgeht? „ Für die Lehrerin schon. Aber ich bin nur dafür zuständig, mit ihnen eine Aufgabe zu machen. Über das Burgfräulein auf der Ritterburg oder über die Bürokauffrau in der Speditionsfirma. Ich bohre nicht nach. Man muss wissen, wo die Grenzen sind.“

Lesepaten sind nicht als Konkurrenz zu den Lehrerinnen oder als billige pädagogische Zusatzkräfte gedcht, sondern als Boten von außerhalb des Schulsystems. Die den Kindern zeigen sollen, dass Lesen auch draußen, in der echten Welt, wichtig ist. Und wer Erna Kaspar dabei zuschaut, begreift auch die zweite Botschaft: Die Allgemeinheit signalisiert, dass sie sich für diese Kinder mitverantwortlich fühlt. Dass sie Eltern und Leherinnen nicht alleinlässt mit den Erziehungsaufgaben. Und dass die Geselschaft gerade jene Kinder, die es schwer haben, nicht vorzeitig abschreibt und aufgibt.

„Ich bin ein ordentlicher Menschen. Wenn ich etwas anfange, dann mache ich es voll und ganz“, sagt Kaspar. Wahrscheinlich habe genau das sie davon abgehalten, eigene Kinder zu haben – „ich hatte einfach Bammel, denn Eltern müsen ja immer alles richtig machen, oder?“ Sie konnte schon in der Akademie nie gut schlafen, wenn halbe Sachen liegengeblieben waren. Fühlte sich für ihre Erledigung zuständig. Und freute sich nach dem Wochenende immer auf den Montag, weil da wieder Gegegenheit war, etwas abzuhaken.

Als sie dann, nach der Pensionierung – zum selbstgewählten Zeitpunkt,  „denn ich wollte gehen, bevor vielleicht andere es wollen“ – die Inserate sah, mit denen der Wiener Stadtschulrat Lesepaten suchte, da überfiel sie ein ganz ähnliches Gefühl. Dass es da draußen noch etwas zu tun gibt. Und dass sie gebraucht werden könnte, um es zu erledigen.

Memet, Yasmin, Julia und Lukas hätten von ihren freitäglichen Patenstunden mit Erna enorm profitiert, sagt die Klassenlehrerin. Sie bekämen dort einen anderen Zugang, einen zweiten Blick auf Wörter, Arbeitsblätter und Texte. Dabei tut sich manchmal eine neue Tür auf.

So ähnlich empfindet es Erna Kaspar, was sie selbst betrifft. Ihren Umgang mit Unzulänglichkeiten, mit unklaren Situationen. Sie hat Julia beobachtet, wie sie das mit ihrem Bruder macht, wenn er schlecht drauf ist. Lukas kann Unterstützung nicht immer annehmen, dann kann es mühsam sein mit ihm. „Ich hab ja keine Routine mit Kindern. Ich war ein Einzelkind, hab keine Kinder in der Verwandtschaft. Von Julia hab ich gelernt, wie Kinder es schaffen, andere Kinder zu etwas zu bewegen.“ Wie sie spielerische Umwege finden, hinten herum, wenn es auf direktem Weg nicht geht.

Memet, Yasmin, Julia und Lukas werden im Herbst in die Mittelschule gehen. Erna Kaspar wird weitermachen, mit vier Erstklässlern. Es ist dort draußen nämlich noch ziemlich viel zu tun.

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