Selbstgemachte Marmaleade schlecken, mit Dorfkindern Heuschrecken fangen und der Natur näher kommen – schön wärs. Das Wochenendhaus hindert einen aber daran.

Eine Polemik: Sibylle Hamann

Der gefürchtetste Sonntagsmoment war immer jener, in dem die Sonne hinter dem Scheunendach verschwand. Dann dauerte es nicht lang, und die Mutter  würde „Kinder, herkommen, alles aufessen!“ rufen. Man würde mürrisch den Federball verschlagen und das Geschirr von den wackligen Gartenmöbeln einsammeln, samt Kuchenbröseln und schrumpeliger Extrawurst. Die Mutter würde derweil vor dem Kühlschrank hocken und jene unförmigen, handtellergroßen Staniol-Packerln herstellen, die später, in Wien, niemand je wieder öffnen würde. Was nicht einwickelbar war, mussten wir hinunterwürgen, die Milch, das halb ausgelöffelte Fruchtjoghurt, die letzten gatschigen Erdbeeren. Alles, was verderben würde, bis zum nächsten Wochenende, wenn wir wieder kommen würden, um neue Wochenendreste zu produzieren.

Dann, um fünf, packten wir das stickige Auto ein. Und spätestens an der Ortseinfahrt von Korneuburg wäre es wieder so weit, und meine Schwester würde speiben.

Okay – ich bin nicht objektiv. Ich bin beladen von Wochenendhausvorurteilen, genährt von Wochendhauserfahrungen aus der eigenen Kindheit. Ich machte nur wenige Vorsätze, als meine Kinder auf die Welt kamen. Einer davon war: Die Wochenendhauskiste tu ich ihnen niemals an.

Wochenendhäuser schafft man sich ja meistens „wegen der Kinder“ an. Damit sie die enge, staubige, laute Stadt hinter sich lassen. Erfahren, wie sich Freiheit, Natur und reife Ribisel anfühlen, und was Sterne und Stille sind. Doch es ist ein Irrglaube, dass ein Wochenendhaus ein Kind all dem auch nur einen Schritt näherbringt.

Beginnen wir beim Dorfleben und unseren romantischen Projektionen davon. Das real exisitierende ist nicht sehr lustig (Einfahrt betonieren, Zeit totschlagen, fernsehen, Traktorhallen bauen), und wo es halbwegs lustig wäre (gemeinsam Zeit totschlagen, übereinander reden, Traktorhallen einweihen), ist das Wiener Wochendhauskind nicht Teil davon.

Als Kinder hörten wir die Dorfkinder nur von fern, die Klingeln ihrer Fahrräder, die Bremsen ihrer Mopeds, während sie auf der Dorfstraße stundenlang im Kreis fuhren. Ein einziges mal in all den Jahren standen ein paar von ihnen am Zaun, riefen etwas herüber und lachten. Wir verstanden nicht, ob es sich um Mobbing oder einen ungeschickten Annäherungsversuch handelte. Die Sprachlosigkeit war beidseitig, spiegelte die Sprachlosigkeit der Eltern und Nachbarn, und ging niemals weg. Die Schüchternheit siegte. Und wurde mit jahrelangem einsamem Federballspielen bezahlt.

Vielleicht gibt es heute im  Wald- und Weinviertel Dorfkinder, die mit Wochenendhauskindern gemeinsam im Gatsch waten, Ribisel brocken und Heuschrecken fangen. Schön wärs, ist aber, demographisch gesehen, unrealistisch. Es gibt dort nämlich heute noch viel weniger Kinder als damals.

Aber die Natur! Die ökologische Früherziehung! Wäre ebenfalls schön, geht aber nicht, und das liegt vor allem am Auto. Ein Wochenendhaus zu haben, bedeutet nämlich beinahe zwangsläufig, auch ein Auto zu haben. Und damit schleichen sich zwangsläufig auch all die anderen Auto-Unsitten ein: Gameboydaddeln am Rücksitz, Großeinkauf im Riesen-Billa am Ortsrand, wöchentliche Trips zu Ikea, Baumarkt und Forstinger, Imbiss im Drive-In, Hin- und Herführen von überflüssigen Gerätschaften von Parkplatz zu Parkplatz, Hin- und Herführen von Kindern ins Freibad, wenn ihnen (mangels anderer Kinder, siehe oben) langweilig wird.

Entweder liegt das Wochenendhaus in verträumter Einzellage am Waldrand, dann bleibt man als Kleinfamilie unter sich und muss für jede persönliche Begegnung mit jemand anderem ins Auto steigen. Oder es liegt in der Zivilisation, dann führt garantiert eine Bundesstraße, eine beliebte Motorradstrecke oder ein Schleichweg für Raser dran vorbei. Der Radius, in dem sich Kinder selbstständig bewegen können, zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit den Öffis, um eigene Erfahrungen machen und ihre Freiheit auszutesten, ist ironischerweise mitten in der Stadt größer als am Land.

Bleibt also das Gärtnern. Zweifellos eine sinnliche Sache, die gestresste Erwachsene ebenso wie neugierige Kinder befriedigen kann. Oja, es ist wichtig, ein Gespür dafür zu entwickeln, wie Pflanzen wachsen. Welche essbar sind, wie man Tomaten verarbeitet und wie selbstgemachte Erdbeermarmelade schmeckt. Stadtmenschen und Stadtkinder sollten tatsächlich viel mehr pflanzen und ernten und einkochen. In Schrebergärten, Innenhöfen, öffentlichen Parks, Gemeinschaftsparzellen, auf besetztem Brachland, in den umgebuddelten Rasenflächen der Gemeindebauten, oder in Guerillagärten am Straßenrand. Gärtnern macht die Städte schöner, das Klima besser, und die Menschen glücklicher.

Doch gerade fürs Gärtnern ist das Wochenendhaus ein völlig ungeeigneter Ort. Wenn alles sprießt, ist man nicht da. Wenn Dürre ist, kann man nicht gießen. Bis man die Schnecken entdeckt, haben sie eine ganze Woche Zeit, den Salat zu vernichten. Irgendwann, im zweiten oder dritten Jahr, wachsen die Beete dann ohnehin alle zu. Weil das Rasenmähen eh mühsam genug ist, jedes Wochenende.

Wir haben damals, über all die Jahre, sicher mehrere Kilo Gemüsesamen gekauft. Unter den Restln, die wir hinunterwürgten, war dennoch niemals etwas Selbstgemachtes. Sogar die gatschigen Erdbeeren waren vom Billa. Wie alle Erdbeeren im Dorf.

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