Die Zustellbranche ist ein Biotop, in dem Stress, Frust und Aubeutung gedeihen.  Ohne dass wir, die Kunden, davon einen Vorteil hätten.

Ich habe ein neues Handy. Ein ganz normales, 49 Euro. Wiegt nicht viel. Könnte man sich schnell zwischendurch im Orange-Shop um die Ecke holen,  bei jener Firma, mit der ich einen Vertrag habe, seit sie existiert. Wäre simpel. Geht aber nicht.

In Zeiten des Logistikwahnsinns nimmt die Firma Orange das Handy, das sie mir verkauft,  gar nicht erst in der Hand. Mir überträgt sie die Aufgabe, bis auf weiteres „zwischen 8 und 18 Uhr“ zu Hause zu bleiben, das Produkt überträgt sie einem der privaten Zustelldienste mit drei Buchstaben. Der Zustelldienst leiten den Auftrag an selbstständige Subunternehmer weiter, diese wiederum an ihre Boten. Irgendwann läutet dann irgendjemand unangekündigt an meine Tür. Und fährt in rüdem Ton den Mann an, der dort eben meine Fenster putzt, weil dieser beim Putzen keine 49 Euro parat hat. Woraufhin das Handy mit dem Vermerk „Annahme verweigert“ irgendwohin zurückgeschickt wird. Und, in den folgenden Tagen, noch viele überflüssige Telefonate geführt und viele überflüssige Kilometer zurückgelegt werden müssen.

Diese Geschichte wäre nicht der Rede wert. Legte sie nicht eine Sollbruchstelle unserer Diensteistungsgesellschaft bloß: Dass Verkäufer zwischen sich und ihre Kunden mittlerweile so viele Instanzen zwischenschalten, dass keiner mehr weiß, was der andere will, und niemand sich mehr zuständig fühlt. Verantwortung wird durchgereicht, von oben nach unten, an immer schwächere Glieder in der Kette, zu immer härteren Bedingungen, mit immer größerem Druck und immer kleineren Margen.

Die gesammelten Reibungsverluste dieser ineffizienten Kette entladen sich am Ende ganz unten. Dort wo, in meinem Stiegenhaus, der Bote und der Fensterputzer einander begegnen. Die miteinander nichts zu tun haben, und dennoch als Puffer herhalten müssen. Für Fehlschaltungen, die andere erzeugt haben, und Konflikte, die eigentlich Verkäufer und Kunde miteinander austragen müssten, Orange und ich.

Dank Günter Wallraff haben wir nun Einblick in die rauen Sitten der Zustellbranche. Es ist kein Vergnügen, morgens um fünf am Förderband die Pakete für die zugeteilte Tour herauszuwuchten, außerhalb der Arbeitszeit, weil das Wuchten nicht  als „Arbeit“, sondern bloß als unbezahlte „Vorbereitung “ gilt. Die Pakete so zu sortieren, dass man unterwegs keine Sekunde verliert. Aufs Gaspedal zu drücken auf Teufel komm raus, auch bei Gelb noch, ständig steht irgendwer im Weg, quatschende Schulkinder, Zebrastreifen, alte, langsame Leute, das nervt. Halten in zweiter Spur, hinauf in den dritten Stock, aber da ist keiner, der aufmacht. Schon wieder. Bald lernt man alle Menschen hassen, die sich weigern, „zwischen 8 und 18 Uhr“ durchgehend zu Hause zu bleiben.

So viele leere Kilometer. Sinnlos vergeudete Lebensminuten, die sich zu vergeudeten Lebensjahren auswachsen, denn bezahlt wird pro zugestelltem Paket. Auf fünf, sechs Euro kommt man da, in Stundenlöhnen gerechnet. Und muss noch hoffen, dass einem keine Strafen abgezogen werden. Für „Verfehlungen“. Etwa dafür, dass man ein Paket nicht der Adressatin aushändigt, sondern dem Fensterputzer.

Wallraff hat diesen Job ausprobiert, monatelang. Er nennt ihn „Ausbeutung“. Wollen wir das, als Kunden? Ich will es nicht. Profitieren wir davon? Meistens nicht einmal das. Der Frust und Ärger anderer Menschen an meiner Türschwelle haben mein Leben nicht erleichtert, im Gegenteil.

Dürfte ich mir mein Handy nächstes mal selbst holen – ich zahle dafür gern drei Euro mehr.

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