Wenn prominente Frauen zu sexuellen Phantasieobjekten des Publikums werden: Bettina Wulff, Karina Sarkissova und ihre Biographien

Im Leben Prominenter gibt es Momente, in denen die Öffentlichkeit Besitzansprüche anmeldet. Wildfremde Menschen haben plötzlich eine Meinung zu höchstpersönlichen Bereichen wie Essgewohnheiten, Partnerwahl, Freizeitgestaltung, und geben ungefragt Kommentare dazu ab. Bei Frauen, attraktiven zumal, schließen diese Besitzansprüche beinahe immer ihren Körper und ihre Sexualität mit ein. Was genau sie wohl schon alles gemacht hat, mit wem? Wie es wohl wäre, mit der? Und ob sie nicht noch ein bisserl mehr Busen zeigen könnte, damit man es sich noch detaillierter vorstellen kann?

Manche Promi-Frauen meinen, diesen Mechanismus kontrollieren zu können: Man wirft dem Publikum zur Appetitanregung ein paar Häppchen zu, steigert damit die Popularität, und sagt rechtzeitig Stopp. Karina Sarkissova etwa, Jurorin bei der „Großen Chance“, ließ sich erst für „Penthouse“ fotografieren, dann gab sie einem Biografen Einblick in ihr Intimleben („Ich bin bisexuell“). Doch noch ehe das Buch auf dem Markt ist (es erscheint nächste Woche), muss Sarkissova feststellen, dass die Taktik nicht aufgeht. In den Illustrierten wird sie bloß noch als notgeiles Sexluder dargestellt, und vor der Tür lauern die Stalker. Denn mit Appetithäppchen gibt sich das Publikum niemals zufrieden; es kriegt dabei erst richtig Hunger.

Bettina Wulff, die Gattin des im Jänner zurückgetretenen deutschen Bundespräsidenten, hat Ähnliches erlebt. Monatelang wurde sie verfolgt von verleumderischen, voyeuristischen Gerüchten, sie habe ein Vorleben als Escort-Girl oder Prostituierte. Auch sie hat eben ihre Autobiographie auf den Markt geworfen, mit dem umgekehrten Ziel jedoch: Mit dem Buch will sie sich die Kontrolle über ihre Biographie zurückholen. „Ich merke, dass mir mein Leben aus den Händen gleitet“, schreibt sie. „Es muss etwas geschehen. Ich will mich nicht verstecken müssen.“

Bettina Wulff war die jüngste First Lady der Bundesrepublik. Blond, berufstätig, Marketingmanagerin, alleinerziehende Mutter, großgewachsen, besonderes Kennzeichen: ein Tatoo auf dem rechten Oberarm. Es ging alles sehr schnell: Die Begeisterung beim Amtsantritt; sehr bald Häme und bösartiges Getuschel; gleichzeitig der wachsende Mediendruck wegen (nach österreichischen Korruptionsstandards geringfügigen) Ungereimtheiten bei Hauskauf, Urlaubsreisen und Geschenkannahmen; und schließlich der demütigende Moment des Rücktritts.

„Jenseits des Protokolls“ ist kein literarisches Meisterwerk, sondern eher Teil eines therapeutischen Prozesses. Es ist ein Versuch, die Dinge wieder auf die Reihe zu kriegen, die Prioritäten zu ordnen, und sich die Interpretationshoheit über die eignen Erlebnisse zurückzuerobern.

Wir erfahren, dass es in der Küche der Präsidentenvilla keinen richtigen Herd und kaum Ablageflächen gab (weil Kochen und Kinder dort bisher nicht vorgesehen waren). Dass eine First Lady mit der Aufgabe, Staatsbankette und Kindergartenöffnungszeiten unter einen Hut zu bringen, ziemlich alleingelassen wird. Man ahnt, wie es sich anfühlt, wenn man morgens aufsteht, geplagt von Magenschmerzen und Übelkeit, und mit Michelle Obama plaudern muss – aber nicht, was man will, sondern was das Protokoll und die Spickzettel der Referenten einem vorschreiben. Immer funktionieren, immer unter Beobachtung stehen, das eigene Leben ad acta legen, alles selbstverständlich unbezahlt: Eigentlich ist das ein unzumutbarer Job, mit einem modernen Frauenbild völlig unvereinbar.

Wie Wulff das alles erzählt, klingt es schlicht, uneitel und ehrlich. Es klingt verletzt, aber nicht verbittert. Man schaut einer Frau dabei zu, wie sie beschließt, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen. 38 Klagen hat Bettina Wulff inzwischen eingebracht – gegen Blogger, die die Rotlicht-Gerüchte in die Welt setzten, gegen Zeitungen, die sie aufgriffen, und gegen Star-Moderator Günter Jauch, der sie schließlich vor einem Millionenpublikum adelte.

Auf dem Cover ihres Buches schaut Bettina Wulff aus, als habe sie eben noch geheult. Aber sie hat Grenzen gesetzt, zumindet im Nachhinein. Karina Sarkissova sollte dieses Buch lesen.

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